Felix Kessler war Finanzchef bei einem Pharmakonzern, zuständig für Millionenbudgets und Sponsoringprojekte – unter anderem für den ESC in Basel. «Ich trage sehr gerne Anzüge. Ganz ehrlich. Ich glaube, die stehen mir auch», sagt er. Doch seit seiner Frühpensionierung mit 60 trägt er lieber Hoodie und Wanderhosen. Drei Saisons verbringt er auf der Gandegghütte oberhalb von Zermatt – 3’030 Meter über Meer. Sein Motto: «Am Ende der Komfortzone fängt das Leben an.»
Dass der Basler überhaupt Hüttenwart wurde, ist Zufall. Ein ehemaliger Arbeitskollege fragte ihn beim Mittagessen, ob er nicht eine Hütte leiten wolle. «Meine erste Reaktion war: ‹Spinnst du?› Aber dann kam der Satz: ‹Du kannst machen, was du willst.› Und das hat mich gepackt», erinnert sich Felix.
Diagnose mit Höhenlimit
Kurz vor Saisonstart kommt der Dämpfer: Herzmuskelentzündung. Der Arzt erlaubt den Sommer auf der Hütte – aber ohne grosse Anstrengungen.
Als er dann tatsächlich hoch darf, mischen sich Vorfreude und Sorge. «Ich bin ziemlich angespannt und nervös, wie es mit meiner Gesundheit läuft. Es belastet mich. Mein Grossvater ist mit 66 kurz nach der Pensionierung gestorben. Da denkt man schon: ‹Passiert mir das auch?›»
Statt alles selbst zu schultern, holt sich Felix dieses Jahr Hilfe von Freunden. «Das ist für mich eine Herausforderung. Ich gehe gerne ans Limit.»
Ein Basler zwischen Zermatter Dynastien
Die Gandegghütte ist eine Institution – seit 140 Jahren im Besitz der Familie Perren. Carline Fuchs-Perren, Tochter der früheren Hüttenwarte, führt die Familientradition fort. Carlines Mann Alessandro war einst Felix’ Arbeitskollege – und der Grund, warum der Basler heute hier oben steht.
Carline erzählt: «Mein Vater hat die Hütte über 35 Jahre geführt. Für uns ist er in jedem Schritt präsent.» Mutter Petra ergänzt: «Wir schätzen sehr, wie sich Felix um die Hütte kümmert. Die Leute mögen ihn, das hört man bis ins Dorf.»
Felix nimmt das Lob mit Stolz: «Dass die Zermatter von mir reden, macht mich schon stolz. Als Basler ist es nicht so einfach hier oben. Die meisten Hütten um Zermatt werden alle von Zermattern geleitet. Und wenn da ein Basler kommt, der nicht vom Fach ist und die Hütte leitet, schaut man speziell darauf.»
Zwischen Herz und Heimat
Sieben Wochen lang ist Felix diesen Sommer ohne seine Partnerin Patrizia oben. «Sie fehlt natürlich. Wir haben eine coole Beziehung – sie ist der Künstlertyp, ich der Planer.»
Als Patrizia ihn endlich besucht, ist die Freude gross: «Der grösste Moment war, als ich sie hinaufkommen sah. Wenn man zwischen dem Stein den Haarwuschel sieht – das war süss.»
Doch die Zeit in der Höhe hat Spuren hinterlassen. Felix bricht die Saison frühzeitig ab. «Eine gute Freundin sagte mir, dass man mit 60 vielleicht noch 20 Sommer hat. Das klingt hart, aber es stimmt. Wie viele ich gesund bin, weiss ich nicht.»
Der Entschluss
Nach einer Pause kehrt Felix für den Saisonabschluss noch einmal zurück. Und trifft eine Entscheidung: «Ich hab heute Alessandro definitiv zugesagt. Ich komme nächste Saison wieder.»
Seine Freunde freut’s. «Ich bin zu 100 Prozent sicher, dass Felix wiederkommt. Er hat sich einfach in die Hütte verliebt», sagt Barbara.
Felix selbst lacht: «Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Ich muss es nur noch Patrizia erzählen – aber sie hat es wohl schon vermutet. Ich bin richtig gut drauf. Ich freu mich runterzugehen – weil ich weiss, dass ich nächstes Jahr wieder raufkomme.»