Mitten in Sent GR steht ein Gebäude, das eher an eine Kirche als an ein Wohnhaus erinnert: die «Chasa dal Guvernatur». 300 Jahre alt, rund 1’000 Quadratmeter gross – und heute Zuhause von Gian Enzo Sperone.
Der Italiener war über vier Jahrzehnte einer der einflussreichsten Galeristen der Welt, lebte lange in New York und hat sich schliesslich in das Engadin verliebt. Kunst schafft der 83-Jährige selbst keine, aber sammeln tut er leidenschaftlich. In seinem Haus betreibt er nun seine ganz persönliche Galerie.
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Bild 1 von 14. Gian Enzo Sperone (83) war Teil der renommierten Galerie «Sperone Westwater» in New York City, die Ende 2025 ihre Türen geschlossen hat. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 14. In Sent (GR) steht Sperones Engadiner Bauernhaus, das vom Architekten Duri Vital renoviert wurde. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 14. Das alte Engadiner Bauernhaus wurde vom Bruder eines seiner Künstler renoviert. Die Brüder Duri und Not Vital sind in Sent (GR) aufgewachsen. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 14. «Das Haus ist immer offen», sagt Sperone. Er freut sich über den Besuch der «Ding Dong»-Moderatoren Viola Tami und Jan Fitze. Bildquelle: SRF.
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Bild 5 von 14. Das Bild stammt von Künstler Francesco Clemente aus der Serie «Ten Portraits One Self-Portrait». Bildquelle: SRF.
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Bild 6 von 14. Der gesamte Raum wurde vom Künstler Wolfgang Laib mit Bienenwachs ausgekleidet. Laib zeigt bis Herbst 2026 eine Ausstellung im Kunsthaus Zürich. Bildquelle: SRF.
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Bild 7 von 14. Hohe Räume, viel Platz – das perfekte Haus für einen Galeristen. Bildquelle: SRF.
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Bild 8 von 14. Ein Kunstwerk seines Freundes Not Vital: «Das sind die Hoden von Michelangelos David – dreissigmal grösser», sagt Sperone. Bildquelle: SRF.
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Bild 9 von 14. Gästezimmer hätte er zwar, doch Sperone hat momentan keine Lust auf Besuch. Die Betten stammen aus dem Palazzo Tasca in Palermo, Italien. Bildquelle: SRF.
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Bild 10 von 14. Ab in den dritten Stock: Hier verbringe Sperone die meiste Zeit. Bildquelle: SRF.
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Bild 11 von 14. Umgeben von Kunst – auch im Schlafzimmer. Bildquelle: SRF.
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Bild 12 von 14. Szenenwechsel: Das Badezimmer ist wohl der Ort, an dem Sperone und seine Partnerin Tania Pistone der Kunst entfliehen können. Bildquelle: SRF.
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Bild 13 von 14. Vor dem Lift erzählt Sperone lachend: «Wenn du in dieser Gegend in den Bergen renovierst, kostet alles doppelt so viel – aus verschiedenen Gründen.». Bildquelle: SRF.
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Bild 14 von 14. Über die Küche hat Sperone nicht viel zu erzählen – verständlich, wenn es im Haus so viele andere interessante Gegenstände gibt. Bildquelle: SRF.
«Historische Häuser brauchen Leben, sonst sterben sie langsam. Es ist wichtig, dass die Türen immer offen sind», sagt Sperone. Als er das Gebäude übernahm, habe es allerdings wenig Inspirierendes gehabt: graue Decken, Linoleumböden, eine Renovation aus dem frühen 20. Jahrhundert ohne viel Feingefühl. Heute wirkt das Haus wie eine eigene Welt – still, monumental und vollständig der Kunst gewidmet.
1’000 Quadratmeter Kunst – und ein bisschen Alltag
Das Innere ist überwältigend. Räume mit kirchenähnlicher Akustik, lange Fluchten, unerwartete Perspektiven. «Hier gibt es nur Kunst und mich. Alles zusammen sind es 1’000 Quadratmeter», sagt Sperone. Seine Sammlung sei über Jahrzehnte gewachsen – durch Reisen, Ausstellungen und Kunstmessen.
Beeindruckt ihn das alles selbst noch? «Nein. Normal. Heute Morgen ging ich überall durch und sagte jeder Statue ‹Hallo›.» Zwischen antiken Fragmenten, monumentalen Skulpturen und zeitgenössischen Installationen wirkt diese Routine fast surreal. Besonders spektakulär: eine gigantische Replik eines Details von Michelangelos «David». «Das sind die Hoden von Michelangelos David – dreissigmal grösser», sagt Sperone trocken. Das Kunstwerk stammt von seinem Engadiner Künstlerfreund Not Vital.
Räume für Schätze – und 800 Kilo Bienenwachs
Ein Gang mit mehreren Räumen dient ausschliesslich besonderen Objekten. Dort steht etwa ein römisches Bein, das Sperone vor rund 40 Jahren in New York kaufte. «Damals war das ziemlich günstig – etwa 3’000 Euro. Heute kostet es vielleicht 200’000 Euro. Die ganze Statue wäre 2 bis 3 Millionen wert.»
Ein anderer Raum ist eine permanente Installation aus Bienenwachs vom deutschen Künstler Wolfgang Laib. «Alles, was ihr seht, ist Bienenwachs von einem Bauern aus Süddeutschland. Es sind 800 kg.» Das Material verändert Licht, Akustik und Atmosphäre – und macht den Raum zu etwas zwischen Kunstwerk und Kapelle.
Ob man das Haus einfach besuchen könne? Sperone lächelt: «Ja – wenn ich gute Laune habe, öffne ich die Tür.»
Ein Haus, das lebt
Der heutige Zustand ist auch dem Engadiner Architekt Duri Vital zu verdanken. «Er hatte die Vision und den Geschmack», sagt Sperone. Vital habe alte Bauernhöfe abgeklappert, um historisches Holz aufzutreiben – denn manche Böden existierten schlicht nicht mehr, unter ihnen war nur noch Erde.
Trotz der musealen Atmosphäre gibt es auch sehr private Orte. Ein Wohnzimmer, in dem Sperone die meiste Zeit verbringt, nennt er «zauberhaft». Das Badezimmer ist der einzige Raum, der nicht perfekt aufgeräumt ist – hier wird sichtbar, dass tatsächlich jemand in diesem Kunstpalast lebt.