Lou Blaas und seine Frau Lies Schwabel sind hier oben eine Institution: Seit über 30 Jahren verbringen sie jeden Sommer auf der Alp Fürstenalp (GR) auf rund 1700 Metern – obwohl sie eigentlich im Südtirol zu Hause sind. Was nach Flucht klingt, ist für Lou genau umgekehrt. «Viele nennen das Aussteigen. Ich sage, es ist Einsteigen – ins Leben, in den Rhythmus, wie es eigentlich gut wäre», sagt er.
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Bild 1 von 4. Lou Blaas und seine Frau Lies auf der Fürstenalp, Kanton Graubünden. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Auf das langsame Leben hier oben freuen sich Lou und Lies jedes Jahr wieder. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Lou ist Frühaufsteher und verbringt viel Zeit in der Küche. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Ein eingespieltes Duo, das sich gegenseitig Leben lassen. Das sei wichtig, wenn man so viel Zeit alleine auf der Alp verbringt, meint Lies. Bildquelle: SRF.
Am ersten Tag hängt Lou seine Fundstücke und kleinen Kunstwerke an ihr Plätzchen – Gegenstände, die ihm den Sommer über Halt geben. Da ist die «Zusel», eine Hexe, die für ihn die guten und die bösen Geister vereint, oder das Halsband eines verstorbenen Hundes.
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Bild 1 von 3. Die Hütte auf der Fürstenalp. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 3. Lous «Zusel»: eine Hexenfigur, die er jedes Jahr wieder ans gleiche Plätzchen hängt. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 3. Fertig dekoriert: Lous Fundstücke und Kunstwerke sind montiert. Bildquelle: SRF.
Seine Hütte würde er gegen nichts tauschen. «Ich bin verliebt in meine Alphütte. Ich könnte sie mir nicht besser vorstellen», sagt er. Wenn im Frühsommer das Vieh heraufkommt und er von Weitem die Glocken hört, packt ihn jedes Mal dasselbe Gefühl. «Es ist ein Kribbeln im Bauch», erzählt er – ein Kribbeln, das mit den Jahren nicht schwächer, sondern stärker geworden ist.
Auch Lies freut sich auf den Alpsommer. «Ich liebe diese Auszeit von der Zeit, die ich unten verbringe, weil hier alles viel langsamer geht», sagt sie.
Extreme sind Lou fremd
Zur Pflege seiner Tiere setzt Lou vor allem auf Globuli und selbst gemachte Mittel, greift im Notfall aber auch zu Antibiotika. Extreme sind ihm fremd, in jeder Hinsicht: «Man darf bei nichts extrem sein. Ob es die Globuli sind, ob es Religion ist, ob es Liebe ist: Alles, was extrem ist, ist nicht gut.»
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Bild 1 von 4. Der Hundetrainer bringt seine vier Hunde auf die Alp. Vor allem Hündin Elis hilft ihm mit den Kühen. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Für den 61-Jährigen beginnt das Leben auf der Alp erst, wenn die Besitzer ihre Tiere zu ihm bringen. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. «Deswegen gehe ich auf die Alp: Weil ich es liebe, die Verantwortung für die Tiere zu übernehmen», so Lou. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Sogar Pferde oder Ponys dürfen bei ihm einen Sommer lang auf der Alp leben. Bildquelle: SRF.
Lou ist von Beruf Hundetrainer. Doch Arbeit ist für ihn nicht alles. «Man kann auch mal viel tun, indem man nichts tut: Nachdenken, etwas aufschreibt, mit sich selbst philosophieren.» Die Leute meinten, man müsse immer schuften – und würden dabei vergessen, dass sie auch leben könnten.
Vom Lorenz zum Lou
Hinter dem heiteren Hirten steht eine schwere Geschichte, die Lou in einem Buch aufgeschrieben hat: «Lou, Philosoph der Tiere und Menschen». Sein Vater verfiel dem Alkohol, in der Schule galt er als Versager, er begann zu stottern. «Ich war immer schon ein Aussenseiter», sagt er.
Trost fand der junge Lorenz, heute Lou, bei den Tieren. «Ihnen ist egal, ob du stotterst oder nicht. Ich habe von ihnen die Liebe gekriegt, die ich mir als Kind immer von den Erwachsenen gewünscht hätte.»
In der Jugend habe er die aufgestauten Verletzungen nach aussen getragen, mit Alkohol und Schlägereien. Als kräftiger Mann sei er gefürchtet gewesen – «auf einmal war ich was», sagt er rückblickend. Erst, als er auf die Alp zurückkehrte und dem Alkohol abschwor, habe er andere Werte wiederentdeckt und gelernt, dass es sich auszahle, auf dem Boden zu laden und wieder aufzustehen.
Auch Lous Sohn Raphael hat das Buch gelesen. «Papa war schon immer ruhig und geduldig, vor allem mit den Kühen», sagt er. Durch das Buch wisse er nun mehr über den Vater seines Vaters und auch über Lous Kindheit. «Seither kann ich meinen Vater besser verstehen, wie er als Vater war.»
Abschied mit Wehmut
Im Spätsommer blickt Lou mit Wehmut auf die Herde. Anders als viele Hirten geht er im Herbst nie gern ins Tal. «Wenn man erleben durfte, wie die Freiheit und das Leben hier ist, ist das wie ein Virus», sagt er – und gegen dieses Virus wolle er sich nicht impfen lassen. Pläne macht er kaum mehr; es zählt der Moment, wie auf seinem Unterarm geschrieben steht: «Das Gestern ist Asche. Das Morgen noch Holz. Heute brennt das Feuer.»