Die Schweiz gilt als eines der Länder mit der höchsten Lebensqualität der Welt. Und trotzdem zeigt das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) im aktuellen Bericht ein anderes Bild: Psychische Belastungen sind weit verbreitet.
Bis zu 40 Prozent der Menschen erleben im Laufe ihres Lebens eine Depression. Kein Wunder, dass immer mehr Menschen nach radikalen Gegenentwürfen suchen. Digital Detox. Rückzug. Stille.
Der radikale Gegenentwurf: «Shaolin Challenge»
Für die «Shaolin Challenge» machen sechs Prominente genau das: neun Tage im Shaolin-Tempel in Südkorea – ein radikaler Versuch, den Kopf neu zu sortieren. Das Fazit: Der gleiche Weg kann in völlig unterschiedliche Richtungen führen.
-
Bild 1 von 6. Einer der sechs Teilnehmer: Der 47-jährige Ostschweizer Nöldi Forrer wurde 2001 Schwingerkönig. Bildquelle: SRF.
-
Bild 2 von 6. Pat Burgener ist 31 Jahre alt und Profisnowboarder sowie Musiker. Bildquelle: SRF.
-
Bild 3 von 6. Auch mit dabei bei «Shaolin Challenge»: Melanie Winiger. Die 47-jährige Zürcherin ist Schauspielerin und Moderatorin. Bildquelle: SRF.
-
Bild 4 von 6. Dario Cologna (40) ist vierfacher Olympiasieger im Langlauf. Bildquelle: SRF.
-
Bild 5 von 6. Isabel Egli (29) wurde 2024 in Sitten Schwingerkönigin. Bildquelle: SRF.
-
Bild 6 von 6. Tamy Glauser ist Model und 41 Jahre alt. Bildquelle: SRF.
Schon nach kurzer Zeit nach der Challenge ist Schwingerkönig Nöldi Forrer wieder zurück in seinem Alltag. Die Auszeit im Tempel fast vergessen. Für Snowboarder und Musiker Pat Burgener allerdings ist nichts mehr wie vor dem Tempelaufenthalt.
«Das hat mein Leben verändert»
Vor dem Aufenthalt war Pat Burgeners Selbstbild stark geprägt, er hatte eine klare, fast schon festgefahrene Identität. «Ich war immer der Mensch mit langen Haaren, der Musik macht», beschreibt er rückblickend. Doch genau darin lag auch eine Begrenzung.
-
Bild 1 von 8. In einem über tausend Jahre alten Tempel in Südkorea absolvieren sechs prominente Teilnehmende unter Anleitung der Shaolin-Meister Shi Heng Yi und Shifu Yan Lei ein neuntägiges Training nach den jahrhundertealten Traditionen der Shaolin. Bildquelle: SRF.
-
Bild 2 von 8. Im Yongmunsa-Tempel: Ohne Ablenkungen, fernab des Alltags, erleben die Protagonisten ein einfaches Leben, geprägt von Meditation, Kung-Fu, Selbstdisziplin – und tiefgehender Selbstreflexion. Bildquelle: SRF.
-
Bild 3 von 8. Shaolin-Master Shi Heng Yi: Seine Videos auf Youtube haben mehrere Millionen Klicks, in den sozialen Medien folgen ihm über eine Million Menschen. Shi Heng Yi gehört zu den bekanntesten Meistern des 21. Jahrhunderts. Er lebt in Frankfurt, leitet den Shaolin-Orden in Europa. Er ist Shaolin-Meister in der 35. Generation. Bildquelle: SRF.
-
Bild 4 von 8. Die Zimmer im Tempel sind einfach eingerichtet. Bildquelle: SRF.
-
Bild 5 von 8. Die ersten Kung‑Fu‑Übungen fallen Pat Burgener leicht, dennoch hinterfragt er seinen Ehrgeiz. Weshalb hat er immer das Gefühl, etwas erreichen zu müssen? Bildquelle: SRF.
-
Bild 6 von 8. Nöldi Forrer hatte keine Zeit, sich körperlich auf die «Shaolin Challenge» vorzubereiten. Shifu Yan Lei treibt ihn bis an seine Grenzen. Bildquelle: SRF.
-
Bild 7 von 8. Shaolin‑Meister in der 34. Generation: Shifu Yan Lei wurde 1970 in China geboren. Um der Armut zu entkommen, gab es damals zwei Wege: ein Studium an der Universität oder den Kampfsport. Bildquelle: SRF.
-
Bild 8 von 8. Im Gemeinschaftsraum reflektieren die Teilnehmenden den Tag und essen gemeinsam. Bildquelle: SRF.
Im Shaolin-Tempel begann ein Prozess des Loslassens: Erwartungen anderer, äussere Zuschreibungen und das Bedürfnis, bestimmten Bildern zu entsprechen. «Identität ist auch eine Limitation», sagt er. «Loslassen, was andere von dir erwarten – das hat mir extrem geholfen.»
«Meine Musik ist persönlicher geworden»
Nach der Rückkehr spürt er: Die Erfahrung war nachhaltig. Kein kurzfristiger Effekt, sondern ein tiefer innerer Shift. Besonders in seiner Musik zeigt sich das deutlich. Sein Stil hat sich verändert – persönlicher, ehrlicher, näher an seiner eigenen Wahrheit.
Auch im Sport zeigen sich konkrete Resultate: bessere Leistungen, klarerer Fokus. Der Schlüssel liegt im veränderten Mindset. Wer nicht mehr im Aussen sucht, sondern im Inneren verankert ist, wirkt anders und zieht andere Ergebnisse an. «Wenn du in diesem Mindset lebst, dann kommen die Dinge zu dir.»
Gleiches Experiment, völlig anderes Erlebnis
Für Schwingerkönig (2001) Nöldi Forrer war die Zeit im Shaolin-Tempel hart. Er kam untrainiert an und fand das strikte Programm vor allem körperlich heftig.
Für ihn war die Auszeit kein Reset, sondern eine Belastung. Nach langen Tagen ging er mit Schmerzen ins Bett und wusste, dass am Morgen als erstes ein neues Training ansteht. Zeit für Erholung blieb also kaum.
Und dann das Essen. Zweimal täglich Reis: «Das hat mich gestresst.» Und war definitiv eine nachhaltige Erfahrung. Nach dem Tempelaufenthalt hat Nöldi ein halbes Jahr lang keinen Reis mehr essen wollen.
Zwischen Durchbruch und kurzer Flucht
Für Nöldi Forrer gab das harte Training den Anstoss, auch zuhause wieder mehr Sport zu treiben. Doch zurück im Alltag verschwinden die Effekte schnell. Die Übungen bleiben liegen. Der Stress kommt zurück. «Der Mensch vergisst schnell.»
Und trotzdem: Ganz ohne Wirkung bleibt auch seine Erfahrung nicht. Es gibt auch für ihn Momente, die hängen bleiben: Das gemeinsame Durchhalten. Die Unterstützung in der Gruppe. Und dieser eine Augenblick: Beton mit der blossen Hand zu zerschlagen. Am Anfang einschüchternd – am Ende fast leicht. «Das war schon speziell».