Island erntet die Früchte seiner Arbeit

Die erstmalige EURO-Teilnahme von Island erscheint wie ein Wunder. Doch der Exploit der Nordländer hat sich schon länger abgezeichnet.

Islands Nationalspieler feiern die EM-Qualifikation. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein grosser Schritt Islands Nationalspieler werden sich in Frankreich zum ersten Mal in ein EM-Abenteuer stürzen. Keystone

Was in Reykjavik am Sonntag als ungemütlicher und regnerischer Abend begann, endete in überbordenden, kollektiven Feierlichkeiten. Ein torloses Remis gegen Kasachstan reichte der isländischen Nationalelf, um sich zum allerersten Mal in der Geschichte für ein grosses Turnier zu qualifizieren – und dies bereits 3 Runden vor dem Ende der EURO-Ausscheidung. «Als ich angefangen habe, Fussball zu spielen, habe ich nie davon geträumt, dass dies passieren könnte», erklärte Islands Captain Aron Gunnarson nach dem Abpfiff völlig ungläubig.

Eine Premiere: Island feiert die EM-Quali

1:08 min, aus Tagesschau am Mittag vom 7.9.2015

In der Quali-Gruppe mit den Niederlanden, der Türkei und Tschechien starteten die Isländer mit wenig Kredit. Doch bereits der 3:0-Sieg zum Auftakt gegen die Türken liess erahnen, dass diese Mannschaft alles andere als ein Sparringspartner ist. Tatsächlich folgten 5 weitere Siege, unter anderem bezwangen die Isländer zweimal die Niederländer. Einzig gegen Tschechien und Kasachstan liessen sie Punkte liegen.

Eine Sensation mit Ankündigung

Die souveräne Art und Weise, mit der sich Island für die Endrunde in Frankreich qualifiziert hat, unterstreicht die positive Fussball-Entwicklung im 330'000-Einwohner-Staat. Die forcierte Jugendarbeit und der vermehrte Bau von Hallen- und Kunstrasenplätzen tragen Früchte. Bereits 2011 liess Islands U21 mit der Quali für die EM in Dänemark aufhorchen, 2014 scheiterte das A-Team nach einer starken WM-Quali erst in den Playoffs an Kroatien (0:0 und 0:2). «Wir haben die Niederlage gegen Kroatien auf positive Art genutzt. Die Spieler haben dabei gesehen, dass sie wirklich gut genug sind», meint Heimir Hallgrimsson, der Island zusammen mit Lars Lagerbäck coacht.

«  Leute wie Mandela und Martin Luther King sind Helden, ich bin nur ein Fussballtrainer. »

Lars Lagerbäck

Der Schwede Lagerbäck ist ein wichtiger Faktor für den gewaltigen Sprung des Teams. Bereits bei seinem Amtsantritt im Oktober 2011 erkannte der 67-Jährige das enorme Potential der Nordländer. «Als ich mit Lars angefangen habe, sagte er mir, dass die Mannschaft stark genug ist, um es zur WM in Brasilien zu schaffen. Ich dachte, er ist verrückt», so Hallgrimsson.

Statt an der WM spielen die Isländer nun an der EURO. Und das ist zu einem grossen Teil auch der Verdienst von Lagerbäck. Dass in Island nun Lobeshymnen auf ihn angestimmt werden, ist aber nicht in seinem Sinne. «Ich würde nicht sagen, dass ich jetzt ein Nationalheld bin. Leute wie Mandela und Martin Luther King sind Helden, ich bin nur ein Fussballtrainer», sagt er in aller Bescheidenheit.

Sendebezug: SRF 1, Tagesschau, 07.09.15 12:45 Uhr