«Man sollte sich nicht davon blenden lassen, dass ich an der Seitenlinie stehe und aufs Feld brülle», sagt Patrick Foletti schmunzelnd. Der Tessiner spricht an diesem Mittag zwischen Ende der WM-Gruppen- und vor Beginn der K.o.-Phase über Standards – seinen zweiten Verantwortungsbereich neben der Goalie-Arbeit. Zwar gebe er im Spiel die Anweisungen, doch in Wahrheit stecke hinter den stehenden Bällen in der Nati Teamwork.
Anders als bei Topklubs wie Liverpool oder Arsenal, die auf dezidierte Spezialisten wie Thomas Grönnemark oder Nicolas Jover setzen, wird das Know-how bei den Schweizern auf mehrere Schultern verteilt.
Ein Trio macht die «Drecksarbeit»
Beteiligt sind dabei Spielanalyst Adnan Alicajic, Assistenzcoach Davide Callà und Foletti. Sie bereiten verschiedene Varianten vor, machen die «Drecksarbeit», wie der Tessiner es formuliert. Nachdem Alicajic und sein Team mehrere hundert Eckball- und Freistoss-Situationen des Gegners zusammengeschnitten haben, sichten Callà und Foletti das Material; Ersterer mit Fokus auf die Schweizer Offensive, Foletti, den in der Nati alle nur «Fox» nennen, auf die Defensive. Erst dann macht das Trio Yakin Vorschläge, wie vorgegangen werden soll. Der Coach hat am Ende das letzte Wort.
Anders als noch in der WM-Quali, als man gegen den Kosovo und Slowenien dreimal nach Eckbällen erfolgreich war, sind die Schweizer Standards an der laufenden WM indes noch keine Waffe. Neben Breel Embolos Penaltytreffer fielen die restlichen 6 Tore aus dem Spiel. 19 Corner durfte man in Nordamerika schon treten, gefährlich wurde es nur selten.
Die Präzision fehlt noch
Dementsprechend zieht Foletti ein durchzogenes Zwischenfazit: «Defensiv bin ich sehr zufrieden. Wir haben im Vergleich zur Quali Details leicht angepasst, das hat sich bewährt. In der Offensive bin ich nur bedingt zufrieden, weil wir noch nicht getroffen haben. Aber die Organisation und die Abläufe stimmen.» Das Problem bislang: Der erste Ball wird meist noch nicht präzise genug gespielt, «da haben wir noch Potenzial».
Wichtiger ist dem 52-Jährigen ohnehin etwas Grundsätzliches: In der Nati herrscht mittlerweile ein Bewusstsein, dass die stehenden Bälle wichtig sind. Foletti & Co. haben dies geschafft, indem Standards heute gesondert ihren Platz auf dem Trainingsplatz, aber auch im Theorieraum erhalten. Früher sei dies nicht immer der Fall gewesen. Da habe man Standards am Ende des Trainings angehängt. «Dabei waren nur die 2, 3 Schützen konzentriert, die anderen sind herumgestanden», erklärt Foletti.
Ein Spezialist ist teuer
Dass Foletti zu dieser Zusatzaufgabe gekommen ist, hat eine längere Geschichte. Unter Ottmar Hitzfeld und Vladimir Petkovic habe er Einwechselspieler über ihre Positionen bei Standards instruiert. Zudem habe er schon früher «global und ganzheitlich» gedacht.
Als unter Yakin eine flachere Hierarchie eingeführt worden sei, habe sich für den Torwarttrainer die Chance ergeben, sich auch in anderen Bereichen zu engagieren. Dass man in der Nati auf einen Spezialisten verzichtet, hat laut Foletti mehrere Gründe. Einerseits seien die entsprechenden Kompetenzen mittlerweile da, andererseits sei es auch eine Ressourcenfrage.
Doch die Schweiz hat schon oft bewiesen, dass sie auch aus weniger mehr machen kann. Und wer weiss, vielleicht ist Folettis nächster Schrei aufs Feld ja seinem Jubel nach einem Standard geschuldet.