Guillermo Ochoa verneigte sich vor seinem «Wohnzimmer», er gab beiden Torpfosten ein inniges Küsschen und liess sich mit Tränen in den Augen von seinen Mitspielern durch die Luft werfen.
«Mein erstes Spiel war im Aztekenstadion, mein letztes Spiel war im Aztekenstadion. Es war ein wunderschönes letztes Kapitel meiner Karriere. Vielen Dank an alle», sagte der 40-jährige mexikanische Kulttorhüter nach seinem emotionalen und wahrscheinlich letzten Einsatz auf der grossen Weltbühne.
Märchenhafter hätte es für den Nationalhelden an diesem denkwürdigen Abend in Mexiko-Stadt kaum laufen können. Als Ochoa in der 78. Minute vor mehr als 80'000 Fans für Stammkeeper Raul Rangel eingewechselt wurde und die Captain-Binde übernahm, wurde es im Aztekenstadion ohrenbetäubend laut.
Zwar war die Partie zum Zeitpunkt seiner Einwechslung bereits so gut wie entschieden, doch in der Nachspielzeit leitete Ochoa mit einem langen Abstoss den 3:0-Endstand ein. «Das Ergebnis war wunderbar, die Atmosphäre grossartig. Die ganze Zuneigung ist da, und das ist das Wichtigste, was ich mitnehme: die Freundschaft, die Wertschätzung und all die positiven Dinge», sagte ein überwältigter Ochoa.
Trainer Aguirre begeistert
Mexikos Nationaltrainer Javier Aguirre adelte seinen Keeper als «Legende des Weltfussballs». Er hatte ihm für den Vorrundenabschluss eine Einsatzgarantie gegeben. «Heute Nacht wollte ich, dass Mexiko die Legende Memo geniesst. Jeder hat ‹Memo, Memo› geschrien, ich habe es geliebt», schwärmte Aguirre. «Memo musste unbedingt spielen», sagte er über den Moment, auf den ein ganzes Land gewartet hatte: «Er steht früh auf, geht ins Fitnessstudio, gibt nie auf und motiviert seine Teamkollegen. Er ist wirklich besser als je zuvor.»
Besser als je zuvor erscheint die gesamte mexikanische Mannschaft. Wie bei der Heim-WM 1986 gewann sie alle drei Gruppenspiele ohne Gegentor, damals ging es bis in den Viertelfinal. Nun träumen sie in Mexiko vom ganz grossen Wurf – auch wenn Trainer Aguirre (noch) abwiegelt: «Ich bin durch die Hölle gegangen im Leben, deshalb bin ich kein Träumer. Ich bin ein alter Mann, ich gehe lieber Schritt für Schritt, ganz langsam – und geniesse den Moment.»