SRF Sport: Wie schätzen Sie über das gesamte Turnier hinweg die Leistungen der Schiedsrichter:innen ein?
Sascha Amhof: Nach der Gruppenphase, welche eher schwierig und von gewissen Entscheiden her teilweise sehr schwer einzuordnen war, hat man in der K.o.-Phase konstantere Leistungen gesehen. Insbesondere ab den Achtelfinals wurden die Entscheide besser lesbar und interpretierbar. Es gab nur noch selten Entscheidungen, die man nicht einordnen konnte. Dies auch vor dem Hintergrund, dass es bei Entscheiden im Graubereich Interpretationsspielraum gibt und man unterschiedlicher Meinung sein kann. Die Leistungen liegen dadurch insgesamt im genügenden Bereich.
Es ist augenfällig, dass sehr viel laufen gelassen wird und es in vielen Spielen lange dauerte bis zur ersten gelben Karte. Ist das auch in Ihrem Sinne?
Eine hohe Foullinie ist grundsätzlich im Sinne des Fussball. Denn das wollen wir ja sehen: viel Spiel. Daher ist dies immer im Sinne des Schiedsrichters und des Spektakels. Unterscheiden muss man zwischen einem hartem, aber fairen Spiel und unfairen und damit strafbaren Kontakten. Die Grenze zwischen beiden legt die Fifa eher grosszügig aus, was zu mehr Spielzeit führt. Insofern ist das ein guter Trend, den ich unterstütze.
Schon vor vier Jahren haben wir diesen Fifa-Fussball gesehen. Er ist grosszügiger in der Foul-Auslegung, es wird weniger abgepfiffen und es wird auch mehr Härte zugelassen.
Haben die zahlreichen Regeländerungen den gewünschten Effekt wie zum Beispiel die Erhöhung der Nettospielzeit erzielt?
Die Zahlen zeigen, dass in gleich viel Match mehr effektive Spielzeit drin ist. In Katar vor vier Jahren tendierte die Nettospielzeit gegen 60 Minuten, allerdings mit jeweils extrem langer Nachspielzeit. Jetzt haben wir die 60 Minuten in weniger Match und weniger Nachspielzeit. Die Regeln mit den Countdowns (bei Einwürfen, Abstössen und Auswechslungen, die Red.) haben sich etabliert. Der Fussball entwickelt sich weiter, meiner Meinung nach zum Guten.
Wie beurteilen Sie den Einsatz des Video-Schiedsrichters (VAR): Kam er zu oft oder zu selten?
Grundsätzlich hat man den VAR eingeführt, um krasse und offensichtliche Fehler zu korrigieren. An dieser WM hat er in vielen Situationen seine Dienste geleistet. Kritischer sehe ich die Über-Technologisierung des ganzen Systems, die auch immer mehr Kritiker auf den Plan ruft. Man hat zum Beispiel den Chip im Ball. Der kroatische Stürmer (Igor Matanovic, die Red.) hat gegen Portugal den Ball mit den Haaren berührt und dadurch entstand eine Offside-Situation. Technologisch und technisch war der Entscheid richtig. Ich stelle jedoch fest, dass sich viele damit schwer tun und ich kann nachvollziehen, dass sie argumentieren, dass dieser Trend gegen den Fussball geht. Denn dieser Sport lebt von den Grauzonen, von der Interpretation und von der Subjektivität.
Sie haben die VAR-Intervention bei Breel Embolos Schwalbe sofort gestützt. Bleiben Sie bei Ihrer Meinung?
Ich habe schon zu Beginn des Turniers erfahren, dass dies eine der Regeländerungen sein wird, welche die Fifa anwenden wird. Es hat sich dann schon bei USA-Paraguay unter Beweis gestellt, dass der VAR interveniert, wenn der Schiedsrichter die gelbe Karte zeigt, diese jedoch eigentlich der anderen Mannschaft gehört. Insofern war die Szene mit Breel Embolo keine Überraschung für mich. Das kann man gut oder schlecht finden. Am Ende stand der gemäss Fifa-Richtlinien richtige Entscheid.
Was halten Sie von der (Verschwörungs-)Theorie, Argentinien und Lionel Messi seien an dieser WM bevorzugt worden?
Den erfolgreichen Mannschaften haftet immer an, dass sie einen Schiedsrichter-Bonus haben. Als Referee glaube ich nicht daran, sondern an das Gute. Man muss in Sekundenbruchteilen entscheiden und strebt danach, den richtigen Entscheid zu treffen und nie bewusst zugunsten der einen oder anderen Mannschaft Einfluss zu nehmen. Ob das dann Argentinien ist, ist völlig sekundär. Aber immer auch im Wissen, dass wenn ein Lionel Messi auf dem Platz steht und er etwas macht, mehr Sensibilität da ist und Rampenlicht.
Die europäischen Verbände wie der Deutsche Fussball-Bund (DFB) fühlen sich zum Teil ignoriert. Verstehen Sie den Frust oder gelten an der WM ganz einfach andere Gesetze?
Wir müssen unterscheiden zwischen Fifa-Wettbewerben wie der WM und unseren Uefa-Competitions und dem Schweizer Fussball. Schon vor vier Jahren haben wir dies an der WM festgestellt. Man ist grosszügiger in der Foul-Auslegung und bei der Sanktionierung mit Karten, es wird weniger abgepfiffen und es wird auch mehr Härte zugelassen. In Europa sind wir diesbezüglich vielleicht etwas rigider in unserem Fussballverständnis.
Was heisst das konkret?
Ein «Step on Foot», also dem Gegner auf den Fuss stehen, ist bei uns immer eine gelbe Karte. Wir lassen auch nicht so viel zu beim Reklamieren. Die Visionen von Fifa und Uefa gehen da in andere Richtungen. In einer globalen Perspektive bei der Fussball-WM gilt einfach eine andere, grosszügigere Regel-Auslegung. Und offenbar wird diese einem globalen Fussball gerecht. Ich würde mich deshalb mit meiner «Europabrille» hüten, abschliessend und vorschnell zu beurteilen, was richtig oder falsch ist.
Welche Unparteiischen haben Sie besonders überzeugt und warum?
Ich würde das nicht an einzelnen Personen festmachen, sondern an den Kompetenzen, die man als Schiedsrichter:in mitbringen muss: Verantwortung übernehmen auf dem Platz, Matchkontrolle haben. Die harte Währung sind richtige Entscheidungen. Da gab es viele gute Beispiele wie im Halbfinal zwischen Frankreich und Spanien. Da hat der Schiedsrichter relativ früh mit Überzeugung einen Penalty gepfiffen. Da werden viele sagen, dass das ein klarer Fall war. Mich berührt, wenn jemand sich so stark exponiert, denn das ist keinesfalls selbstverständlich.
Das Gespräch führte Dominik Steinmann.