Als einzige kanadische Journalistin begleitet Camila Gonzalez das Nationalteam während der Fussball-WM 2026 für den TV-Sender TSN. Die 28-Jährige erklärt, wo der Fussball in Kanada steht und wie auf das abschliessende Duell um den Sieg in der Gruppe B geblickt wird.
SRF Sport: Camila Gonzalez, warum ist es für Kanada so wichtig, Platz 1 in der Gruppe B zu belegen?
Camila Gonzalez: Wir haben in Vancouver eine riesige Fangemeinde, die diese Mannschaft unterstützt. Deshalb wollen wir hierbleiben. Das Team schätzt den heimischen Support, denn diese Unterstützung war nicht immer da. Fussball war nicht immer so beliebt wie heute. Deshalb ist es so wichtig, zu Hause eine gute Leistung zu zeigen. Es geht auch darum, Kanada zu beweisen, dass wir ein Fussballland sind und diese Mannschaft es wert ist, unterstützt zu werden. Es geht um so viel mehr als nur um das Ergebnis auf dem Papier.
Welche Rolle spielt Fussball in Kanada im Gegensatz zu Eishockey, Baseball oder Basketball?
Es gibt so viele verschiedene Sportarten, die sich die Kanadier anschauen können. Es gibt die NBA, die NHL, die MLB; es gibt professionelles Frauen-Eishockey, wir haben professionellen Frauen-Basketball. Fussball wurde von den Einwanderer-Gemeinschaften ins Land gebracht, in der kanadischen Mainstream-Gemeinschaft kam er aber lange nicht so gut an. Mittlerweile ist das anders. Ich glaube, diese WM hat gezeigt, dass Fussball in Kanada durchaus eine Rolle spielt. Aber es liegt noch ein langer Weg vor uns, sei es, was den Support oder die Infrastruktur angeht.
Wie sieht die Unterstützung für das kanadische Nationalteam aus?
Wir Kanadier sind ganz besondere Sportfans, wir sind sehr patriotisch. Sobald bei den Olympischen Spielen Kanada spielt, ist jeder ein Fan des kanadischen Teams. Wenn die Toronto Blue Jays in der World Series stehen, spielt es keine Rolle, wo im Land man wohnt, du bist ein Fan der Blue Jays. Und das zeigt sich jetzt auch bei der Fussball-WM. Endlich sieht man überall kanadische Trikots und kanadische Flaggen.
Wie beliebt ist Fussball im Vergleich zu den anderen Sportarten?
Fussball ist die beliebteste Sportart bei den Kindern. Er ist leicht zugänglich und erschwinglich. Was die aktuelle Popularität angeht, genügt ein Blick auf unsere Einschaltquote: Wir hatten beim Gruppenspiel Kanada gegen Katar durchschnittlich 5,3 Millionen Zuschauer – knapp die Hälfte der Schweizer Bevölkerung hat also dieses Spiel verfolgt. Ich denke, dass wir vor einem historischen Moment für diesen Sport stehen. So wie die WM 1994 den Fussball in den USA und jene 2002 in Japan und Südkorea verändert hat, wird die WM 2026 für Kanada eine Wende bringen.
Warum ist es auch aus wirtschaftlicher und politischer Sicht so wichtig, dass Kanada gegen die Schweiz gewinnt?
Es geht nicht nur darum, gegen die Schweiz zu gewinnen. Ich denke, es ist wichtig, dass Kanada zeigt, dass man es bis in die Achtel- oder Viertelfinals schaffen und sich mit den Allerbesten messen kann. Denn nur mit dem sportlichen Erfolg kommt auch die wirtschaftliche Unterstützung. Der Fussball erhält zunehmend Investitionen von Marken und Sponsoren, für die Fussball bisher keine Priorität hatte.
Die Regierung hat soeben Fördermittel in Höhe von über 750 Millionen Dollar angekündigt, die zuvor nicht zur Verfügung standen. Wenn Kanada weiterhin so gute Leistungen zeigt, können wir noch mehr Fördermittel erhalten und damit Gutes tun: Sport ist ein so wichtiges Mittel, um den Zusammenhalt in der Gemeinschaft zu stärken und Kinder von Unfug fernzuhalten.
Sieht man sich in Kanada in der Favoritenrolle?
Nein, ich glaube nicht, dass man davon ausgeht, dass es einfach wird. Jeder weiss, dass die Schweiz eine starke Mannschaft hat, wir müssen unsere beste Leistung zeigen. Vor Beginn dieses Turniers gab es unter Nicht-Fussballfans grosse Zweifel daran, ob Kanada überhaupt mithalten könnte. Der 6:0-Sieg gegen Katar hat einfach gezeigt: Wir sollten das Team unterstützen, wir sollten unser Kanada-Trikot anziehen, wir sollten uns dieses Spiel zwischen Kanada und der Schweiz ansehen.
Das Interview führte Olivier Dominik (RTS)