Der historische Moment der Schweizer Nati mit dem Viertelfinal-Einzug hat viele ikonische Bilder geschaffen. Eines davon ist fraglos, wie Gregor Kobel beim vierten Penalty der Kolumbianer nach rechts abtaucht. Den Ball zu behändigen weiss. Kurze Zeit später steht fest: Die Schweiz hat auch die 2. K.o.-Runde der WM in den USA, Kanada und Mexiko überstanden.
Kobel, schon in den 120 Minuten zuvor nicht zu bezwingen, avanciert zum Helden. «Ich weiss, dass ich eine lange Reichweite habe», analysiert der Nati-Goalie anschliessend. 1,95 Meter sind es, um genau zu sein. Was man in Dortmund längst zu schätzen weiss, erkennt man nun auch im Schweizer Nationalteam, wo Kobel lange im Schatten von Vorgänger Yann Sommer stand.
Leicht war der Anfang für Kobel auch nach Sommers Rücktritt aus der Nati sportlich nicht. In keiner der ersten sieben Partien spielte er zu null. Ausgerechnet im Testspiel in den USA wendete sich das Blatt: Ab dem 4:0 in Nashville blieb Kobel in fünf Partien in Serie unbezwungen und egalisierte Sommers Bestmarke. Ein gutes Omen für die nächste Station, die Kansas City heisst?
Gegen Kolumbien wurde Kobel zum «Man of the Match» gewählt. Wie schon gegen Algerien wahrte er abermals die weisse Weste. «Das ist riesig. Als so kleine Nation mithalten zu können, ist ein unglaubliches Privileg», freute sich der 28-Jährige nach dem Spiel. Schon während der ganzen 120 Minuten habe sich Kobel «relativ entspannt» gefühlt. Als ihm der gehaltene Penalty noch einmal vor Augen geführt wurde, schätzte er lachend ein: «Das war ein guter Save, muss ich sagen.»
Mit 16 Jahren das Gymnasium abgebrochen
Ihren Lauf nimmt die Erfolgsgeschichte vor rund 20 Jahren. Der 8-jährige Kobel wechselt vom FC Seefeld, wo er mitunter als enorm torgefährlicher Stürmer zum Zug kommt (sein ehemaliger Trainer erinnert sich im Tagesanzeiger), zu GC. Mit 16 Jahren bricht er das Gymnasium ab und wagt den Sprung ins Ausland. Er zieht alleine nach Hoffenheim.
Sein damaliger Torwarttrainer Steffen Krebs weiss noch: «Bei Gregor hat man sehr früh gesehen, dass er sehr vielseitig war. Was den technisch-taktischen Ansatz angeht, war er in allen Bereichen sehr gut ausgebildet, hat top performt: ob im Eins-gegen-Eins, auf der Linie, in der Raumverteidigung oder am Fuss.» Dazu komme Kobels Siegermentalität – «ein absolutes Toptalent».
Ich zähle ihn zu den absoluten Weltklasse-Torhütern.
Über Augsburg und Stuttgart landet er 2021 bei Borussia Dortmund. Mit dem BVB steht er 2024 im Champions-League-Final. Auch ohne Titel gehört er zu den besten Keepern überhaupt. Das Fachmagazin kicker wählt ihn immer wieder zum besten Torwart der Bundesliga. «Ich glaube, mit seiner Konstanz in der Bundesliga in den letzten Jahren – jetzt auch in der Nationalmannschaft – hat er sich definitiv auch international weiterentwickelt. Ich zähle ihn zu den absoluten Weltklasse-Torhütern», schwärmt Krebs.
Auf diese Weltklasse wird die Nati auch am Sonntag (3 Uhr MESZ) angewiesen sein. Dann heisst der Gegner im Viertelfinal in Kansas City Argentinien. Der ideale Moment für die nächste Heldengeschichte.