Als Murat Yakin im August 2021 das Amt als Nationaltrainer antrat, tat er dies mit wenigen Vorschusslorbeeren. Erst nachdem grosse Namen wie Lucien Favre, Urs Fischer oder Marcel Koller abgesagt hatten, wurde der Basler von Challenge-League-Klub Schaffhausen geholt.
Zudem trat er das schwere Erbe von Vladimir Petkovic an, der die Schweiz zwischen 2014 und 2021 zu neuen Höhen geführt hatte. Auf dem Zenit trat der Tessiner nach dem Viertelfinal-Einzug (nach einem Sieg über Weltmeister Frankreich) an der paneuropäischen EM zurück.
Aus dem Scheitern gelernt
Doch Yakin strafte seine Kritiker schnell Lügen. Vor Italien qualifizierte man sich 2022 direkt für die WM in Katar. Wie die Nati danach – auch krankheitsbedingt – gegen Portugal im Achtelfinal chancenlos blieb, ist längst Schweizer Fussball-Geschichte. Viel wichtiger war jedoch, was danach passierte: Yakin und die Entscheider beim Schweizerischen Fussballverband analysierten das Out und lernten daraus.
Für Pierluigi Tami, damals wie heute Nationalmannschafts-Direktor, war dieses Erlebnis die Initialzündung, für alles, was danach folgen sollte: «Wir haben an der WM in Katar viel gelernt. Das war ein wichtiger Moment, wir haben danach viele Änderungen im Team und rund ums Team gemacht. Heute bin ich stolz darauf, wie die Schweiz auf dieser Bühne Fussball spielt», sagte er nach dem Ende 2026.
Doppelter Viertelfinal-Einzug
Denn was an den letzten beiden Endrunden folgen sollte, hatte zuvor in der Fussball-Neuzeit keine Nati geschafft:
- An der EM 2024 in Deutschland kassiert man gegen den Gastgeber erst spät den Ausgleich, bevor man im Achtelfinal Italien regelrecht vorführt. Erst im Viertelfinal ist im Penaltyschiessen gegen England Schluss.
- Zwei Jahre später steigert sich Yakins Team an der WM 2026 in den USA, Kanada und Mexiko in jedem Spiel, besiegt im Achtelfinal Kolumbien im Elfmeterschiessen und damit auch ein Trauma. Zuvor war man an einer WM-Endrunde dreimal an dieser Hürde gescheitert. In der Runde der letzten Acht fordert man Weltmeister Argentinien nach langer Unterzahl. Erst durch ein Traumtor von Julian Alvarez scheidet man in der Verlängerung aus.
Ausser 2021 unter Petkovic hatte die Schweiz nur in der «Fussball-Steinzeit» 1934, 1938 sowie 1954 dreimal einen WM-Viertelfinal erreicht – jedoch in einem anderen Modus und unter anderen Vorzeichen. Vor Yakin hatte noch kein Nati-Coach diese Stufe sowohl an einer EM als auch an einer WM erreicht. Auch wenn sowohl Petkovic als auch Ottmar Hitzfeld und Roy Hodgson im Schnitt mehr Punkte als Yakin holten (nur Trainer mit mindestens 30 Länderspielen wurden berücksichtigt), hat sie dieser mit dem Coup in Nordamerika übertrumpft.
Natürlich profitierte Yakin auch von der Vorarbeit seiner Vorgänger Köbi Kuhn, Hitzfeld und Petkovic. Doch der 52-Jährige hat es mit seinem Staff geschafft, seiner Mannschaft das Sieger-Gen einzupflanzen. Und auch er selbst vermittelt das Gefühl, so richtig aufzublühen, je grösser die Bühne wird.
Die WM 2026 muss noch nicht der Höhepunkt dieser Generation gewesen sein. Aus dem eingespielten Team soll kaum ein Stammspieler Rücktrittsgedanken hegen. Und auch Yakin selbst, dessen Vertrag bis zur EURO 2028 auf den britischen Inseln läuft, ist happy: «Ich bin extrem gerne Nati-Trainer, habe noch grosse Lust und Freude, mit dieser Mannschaft zu arbeiten. Es gibt null Gedanken, einen anderen Weg zu gehen. Ich freue mich auf die Zukunft.»