«Ich hätte mir nie vorstellen können, wegen dieses Sports so sehr zu leiden», sagte Fernando Muslera. Der 40-jährige Torhüter, eine Ikone im Kasten der «Celeste», war nach dem 0:1 gegen Spanien am Boden zerstört. Beim Tor durch Alex Baena hätte Muslera unbeholfener nicht wirken können. Bei drei von vier Gegentoren, die letztlich zum verdienten Aus des Weltmeisters von 1930 und 1950 und kommenden WM-Mitgastgebers führten, war er irgendwie beteiligt.
Die 3 Patzer von Muslera an der WM
Chronik eines angekündigten Todes
In der Pause bat Muslera sogar selbst um seine Auswechslung. Nach der Partie richtete er sich mit emotionalen Worten an die gesamte Nation: «Ich möchte meine Mitspieler und alle Uruguayer um Verzeihung bitten.»
Die Presse im mit rund 3,5 Millionen Einwohnern kleinsten spanischsprachigen Land Südamerikas sparte nicht mit Kritik. «Uruguay ist die Enttäuschung Südamerikas», urteilte die uruguayische El Pais. «Ein Realitätsschock nach einem Traum, der in Frustration endete», befand El Observador. «Was für ein Reinfall», spottete El Diaria und das Montevideo Portal titelte gar: «Die Chronik eines angekündigten Todes.»
Rächte sich Bielsa an Valverde?
Uruguay war seit 2010, als der Halbfinal-Einzug gelang, Dauergast bei Weltmeisterschaften. 2018 schaltete man im Achtelfinal Portugal aus. Es war vorläufig der letzte Höhepunkt einer Mannschaft, die weltweit Fans fasziniert hat.
Vom Begriff, eine Mannschaft zu sein, ist nach diesem Turnier nicht mehr viel übrig. Sinnbildlich dafür steht Trainer Marcelo Bielsa. Mit seinem grimmig-kauzigen Blick sass er zusammengekauert auf einer Getränkekühlbox und schien vor allem mit sich selbst zu reden.
Der Graben zwischen Team und Coach wurde im letzten Gruppenspiel offenkundig. Als Bielsa Kapitän Federico Valverde schon nach 57 Minuten vom Platz nahm, ignorierten sie einander. Der Profi von Real Madrid ging zur Bank, sprach mit Sinnesgenossen und hielt sich dabei das Trikot vor den Mund. Die rote Karte des völlig ausser Kontrolle geratenen Agustin Canobbio in der Nachspielzeit markierte den unwürdigen Schlusspunkt.
Bielsa kriecht zu Kreuze
«Rache ist ein kalter Genuss! Das hat Marcelo Bielsa im Spiel gegen Spanien unter Beweis gestellt», schrieb die katalanische Zeitung Sport. Der argentinische Coach soll als Reaktion auf eine Meuterei vom Vortag von Teilen der Mannschaft gegen seine Art und sein Training Personalentscheidungen getroffen haben.
Bielsa übte aber vor allem Selbstkritik. «Wir haben nur zwei Punkte geholt. Das zeigt meine Leistung als Manager», räumte er ein. Und: «Ich habe das Potenzial der Spieler nicht abrufen können.» Dass er es war, der Keeper Muslera zurückholte – passt ins Bild.
«Was ich Uruguays Fussball gegeben habe, ist nichts», rechnete Bielsa mit sich selbst ab. Seit Mitte Mai 2023 ist der wie Lionel Messi aus Rosario stammende Bielsa im Amt. Das Kapital Uruguay dürfte beendet sein nach diesem Totalschaden. Als Gruppendritter mit nur zwei Punkten (1:1 gegen Saudi-Arabien, 2:2 gegen Kap Verde) war kein Weiterkommen möglich. Dafür fordert Kap Verde als Zweiter nun Uruguays Nachbarn Argentinien.