England hat den Einzug in den WM-Halbfinal geschafft – doch statt Euphorie herrschte nach dem Viertelfinal-Sieg gegen Norwegen (2:1 n.V.) plötzlich düstere Stimmung. Matchwinner Jude Bellingham (2 Tore) und Trainer Thomas Tuchel kreuzten öffentlich die Klingen.
Nach dem hart erkämpften Halbfinal-Ticket fand der deutsche Coach deutliche Worte. Seine Mannschaft habe zu viele technische Fehler gemacht und phasenweise «schlampig» und «nicht schnell genug» gespielt.
Worte, die Bellingham nicht auf sich sitzen lassen wollte. Der Mittelfeldstar, mit 6 Treffern an dieser Endrunde massgeblich am Lauf der Engländer beteiligt, erinnerte daran, wie schwierig K.o.-Spiele an einer WM seien. «Man kann nicht jedes Spiel mit 1000 Pässen gewinnen. Manchmal muss man schmutzig gewinnen», so Bellingham.
Bellingham mit Spitze gegen Tuchel
Zwischen den Zeilen setzte der 23-Jährige sogar zu einem Seitenhieb gegen seinen Trainer an: «Vielleicht weiss er nicht, wie es ist, unter diesen Bedingungen [...] zu spielen.» Eine Anspielung darauf, dass Tuchel selbst nie als Spieler auf einem solchen Niveau gekickt hatte?
Kane probiert zu schlichten
Von einem Zerwürfnis kann allerdings keine Rede sein. Captain Harry Kane trat rasch als Vermittler auf und stärkte seinem Trainer den Rücken: «Er versucht, das Beste aus uns herauszuholen, und wir wissen, dass wir noch ein Level besser spielen können.» Tuchel sehe als Coach nämlich täglich im Training, wozu das Team imstande sei. «Wenn er sieht, wozu wir in der Lage sind, dann möchte er diese Version von uns auch in den Spielen sehen», sagte Kane abschliessend.
Duo Kane/Bellingham überragend
Trotzdem zeigte diese neuerliche Episode, wie gross der Druck im «Mutterland des Fussballs» inzwischen ist. Der Halbfinal reicht England längst nicht mehr. Nach 60 Jahren ohne WM-Titel zählt nur noch der ganz grosse Coup.
England – Argentinien? Ein WM-Klassiker
Der nächste Schritt ist mit Titelverteidiger Argentinien aber eine Knacknuss. Die Südamerikaner haben in diesem Turnier einmal mehr bewiesen, dass sie auch enge Spiele zu ihren Gunsten entscheiden können. Und wenn England auf Argentinien trifft, schwingt immer auch die Vergangenheit mit: von Maradonas «Hand Gottes» 1986 bis zum hitzigen Duell von 1998 inklusive Beckham-Rot.
Bleibt am Ende die Frage, ob die öffentliche Reiberei der englischen Mannschaft schadet, oder ob sie genau jene Spannung freisetzt, die es braucht, um einen Gegner wie Argentinien aus dem Turnier zu werfen. Und dann vielleicht sogar den 2. Weltmeistertitel zu holen.