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Rio 2016 Schweizer in Rio: Ein Leben in ständiger Gefahr

Der Bieler Fabio Blaser wohnt seit 5 Jahren in Rio. Er erzählt uns von seinem Alltag in ständiger Gefahr.

Polizisten vor einer Favela in Rio.
Legende: Grosses Aufgebot Polizisten vor einer Favela in Rio. Getty Images

Wer wie ich zum ersten Mal in Rio de Janeiro ist, kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Wunderschöne Strände eingebettet in eine faszinierende Hügellandschaft. Ein atemberaubendes Setting, dessen Wirkung auch nach über zwei Wochen nicht verpufft ist.

Die schönen Seiten von Rio.
Legende: Zuckerhut, Cristo und Co. Die schönen Seiten von Rio. Getty Images

Für Fabio Blaser ist diese Stadt zur zweiten Heimat geworden. Der 28-jährige Bieler wohnt seit 5 Jahren hier und ist während den Olympischen Spielen als Fahrer im Einsatz. Wer mit ihm unterwegs ist, erfährt viel über die zweitgrösste Stadt in Brasilien. Auch über die unschönen Seiten, weit weg von Zuckerhut und Copacabana.

Das Zuhause ist nicht mehr sicher

Die Kriminalität habe im vergangenen Jahr massiv zugenommen, erzählt Fabio. Nicht nur in den Favelas, auch ausserhalb. Zusammen mit seiner Frau Clarissa und seinem 10 Monate alten Sohn Pedro wohnt er im Stadtteil Rio Comprido, in der Nähe des Maracana-Stadions. Als er vor 5 Jahren hierher kam, sei es ruhig gewesen. Mittlerweile gehören Schusswechsel zur Tagesordnung.

Jedes Mal, wenn du aus dem Haus gehst, überlegst du es dir zweimal.

Vom 13. Stock sieht er direkt auf die Autobahn und ist schon mehrfach Zeuge von Überfällen geworden. «Die Diebe sorgen für einen künstlichen Stau und rauben dann auf Motorrädern die Autofahrer aus», erklärt er. Dabei schrecken sie vor nichts zurück. Wer Widerstand leistet, wird auf der Stelle erschossen.

Der Bieler lebt seit 5 Jahren in Rio.
Legende: Fabio Blaser Der Bieler lebt seit 5 Jahren in Rio. SRF

Eingeschränkte Freiheit

Angst hat Fabio trotz allem keine. «Das darfst du nicht zulassen», sagt der freischaffende Fotograf, «ansonsten kannst du hier nicht leben». Von Freiheit kann aber keine Rede sein. «Es sind die kleinen Dinge. Jedes Mal, wenn du aus dem Haus gehst, überlegst du es dir zweimal. Du nimmst Umwege in Kauf, musst immer auf der Hut sein.»

Wenn er nach Hause kommt, überspielt er als erstes die Fotos von der Kamera auf den Computer. Sein teures Equipment könnte jederzeit gestohlen werden.

Taschendiebe schrecken nicht davor zurück, einem das Handy aus der Hand zu reissen.

Fabios Frau Clarissa, eine Brasilianerin, hat Angst. Jeden Tag. Um sich selbst, ihren Mann und den kleinen Pedro. «Sie ist schon einige Male überfallen worden, hatte auch schon eine Pistole am Kopf», berichtet Fabio. Wenn sie in der Stadt ist und er sie anrufe, gehe sie nicht ans Telefon. «Sie geht dann in einen Laden und ruft mich von dort zurück. Taschendiebe schrecken nicht davor zurück, einem das Handy aus der Hand zu reissen.»

Grosses Polizeiaufgebot bei Olympia

Wer mit Leuten in Rio spricht, hört viele solcher Geschichten. Dabei sei es in den touristischen Zonen wohl noch nie so sicher gewesen wie jetzt, erklärt Fabio.

Das Militär in Rio.
Legende: Steht an jeder Ecke Das Militär in Rio. Getty Images

Das Polizeiaufgebot ist während Olympia massiv, praktisch jede Ecke wird überwacht. Darunter leiden andere, weitaus gefährlichere Regionen, wo Polizisten abgezogen werden. So beispielsweise im Staddteil Bangu, wo Clarissas Familie wohnt. Das Auto ihrer Grossmutter wurde kürzlich zum 7. Mal gestohlen.

Zurück in die Schweiz

Trotz aller Schwierigkeiten hat sich Fabio in diese Stadt verliebt. Bald wird er jedoch Abschied nehmen müssen. Er sieht für seine kleine Familie hier keine Zukunft. Mitte September geht es zurück in die Schweiz. «Wir rennen nicht weg von Rio», stellt er klar, «es ist ein Vernunftsentscheid und in der jetzigen Zeit das Beste für uns».

Vermissen wird er vieles: Die Lebensfreude und Offenheit der Menschen, das Essen, das Wetter. Und nicht zuletzt den Anblick dieser wunderschönen Stadt, dessen Faszination ihn auch nach 5 Jahren nicht loslässt.

Sendebezug: Laufende Berichterstattung Olympische Spiele

3 Kommentare

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  • Kommentar von Thomas Käppeli (thkaepp)
    Fabios Erfahrungen klingen vertraut. Kein Wunder, ich lebe seit 1999 in Guatemala Ciudad. Nicht meine erste Grossstadt in einem Dritt- oder Schwellenland. Meine am „schrägsten“ empfundene war Lagos (Nigeria). Zeigt jedoch: „Nicht wir, die Minderheit privilegierter aus Industrienationen, sind Massstab realen Lebens der Meisten auf Erden.“ Konsequenz der bekannten Schere arm/reich und einen nicht unerheblichen Anteil von uns verantwortet. Der Kinder wegen, würde ich wohl wie Fabio entscheiden.
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  • Kommentar von marc rist (mcrist)
    Rio de Janeiro ist nicht ganz die einzige Stadt in Brasilien. Und die Alternative muss ja nicht gleich Sao Paulo heissen, wo es eher noch krasser zu und her geht. Es gäbe sicher auch friedlichere Gegenden, die Fabio Blaser und seiner Familie eine Weiterexistenz im grössten Land Südamerikas ermöglichten. In der Schweiz wartet niemand auf ihn, Medienschaffende gibt es mehr als genug.
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    1. Antwort von Adrian Flükiger (Ädu)
      @Rist: Man kann das bis auf den letzten Satz ihres Kommentars so sehen. Diesen finde ich völlig daneben. Deshalb sei hier festgehalten, dass die Halunken und zwielichtigen Briefkastenbuden aus aller Welt die sich im Grossraum Zug breit machen, auch nur in ihren Breitengraden willkommen sind. Würden die ihre Steuern ordentlich - z.B. in BRA - berappen, wäre das Elend dort kleiner!
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