Hockey-Nati: Von einem Extrem ins andere

Ambitioniert startete sie ins Olympiaturnier. Mit der breiten Brust des amtierenden Vize-Weltmeisters. Das frühe Out gegen Lettland hat die Schweizer Nati auf den Boden der Realität zurückgeholt.

Video «Eishockey: Rückblick auf Schweizer Out» abspielen

Die Schweizer Hockey-Nati nach dem Out

3:16 min, aus sotschi aktuell vom 19.2.2014

«Wir haben in 4 Spielen über 150 Mal aufs Tor geschossen und nur 3 Treffer erzielt», haderte Sean Simpson nach dem Ausscheiden gegen Lettland. Der Nati-Coach übertrieb im ersten Frust nach dem Spiel zwar. Denn seine Schützlinge gaben «nur» 124 Schüsse ab. Aber mit einer Trefferquote von gerade einmal 2,42 Prozent liegen die Schweizer in Sachen Effizienz trotzdem auf dem letzten Platz aller Teams.

Zahlen sprechen deutliche Sprache

Die Chancenauswertung als Hauptgrund für das frühe Scheitern des Vize-Weltmeisters anzuführen, ist sicher nicht verkehrt. Beim Silbergewinn von Stockholm erzielte die Nati in 10 Partien 35 Tore, 11,08 Prozent der Schüsse fanden den Weg ins Netz. Frappant ist auch der Unterschied im Powerplay: In Sotschi fiel in 20 Überzahl-Minuten kein Treffer, in Schweden hatten die Schweizer mit einem Mann mehr auf dem Eis alle 6 Minuten geskort.

Interview mit Sean Simpson (sotschi aktuell, 18.02.2014)

1:23 min, aus Sotschi-Clip vom 18.2.2014

Zu wenig Durchschlagskraft

«In Stockholm ist alles für uns gelaufen. Was wir aufs Tor brachten, ging irgendwie rein», erinnerte sich Simpson. Im Olympiaturnier fehlte dieses Selbstverständnis vor dem gegnerischen Gehäuse, diese Bestimmtheit. «Wir konnten uns nicht durchsetzen», benannte Simpson den Hauptgrund. Der letztjährige «Trainer des Jahres» hielt aber auch fest: «Das Niveau bei Olympia ist besser als an der WM.»

Suche nach der Linie

Die Nati scheiterte aber nicht nur an ihrer fehlenden Kaltblütigkeit. Simpson fand während den ganzen Spielen seine Wunschformation nicht. Liess er an der WM die Linien 10 Mal unverändert, stellte er in Sotschi stets um. Richtig funktionierte eigentlich nur die «physische» Kombination mit Nino Niederreiter, Martin Plüss sowie Simon Moser. Ein Luca Cunti etwa oder ein Roman Wick blieben mit ihrer technischen Finesse auf diesem Niveau wirkungslos. NHL-Stürmer Damien Brunner war gar 4 Spiele lang ein Totalausfall.

Gute Defensive, dominant zu Beginn

Es war aber beileibe nicht alles schlecht, was die Nati in Sotschi bot. Im Gegenteil: Die Defensive inklusive der Goalies Jonas Hiller und Reto Berra wusste mit einigen Abstrichen im 2. Lettland-Spiel absolut zu überzeugen. In der Gruppenphase vermochte die Schweiz zudem ihre starken Gegner über weite Strecken zu dominieren.

Kein Rezept wusste die Schweiz jedoch nach dem Doppelschlag der Letten im 1. Drittel des Achtelfinals. Sie agierte hilflos. Auch im letzten Drittel konnten kaum noch gute Chancen kreiert werden. Es machte den Anschein, als fehlte den Schweizern die nötige Überzeugung. Ratlosigkeit machte sich spätestens an der gegnerischen blauen Linie breit.

Chance zur Rehabilitation

Die Nati ist nach dem Höhenflug von Stockholm zurück auf dem Boden der Realität. Viertelfinal-Qualifikationen an grossen Turnieren sind weiterhin keine Selbstläufer und werden es in näherer Zukunft auch nicht sein. Immerhin bietet sich schon im Mai an der WM in Weissrussland die Chance zur Rehabilitation. Und wer weiss, vielleicht folgt dann schon wieder das andere Extrem.