In der 3. Runde hatte Viktorija Golubic die Erfahrung machen müssen: Auch wenn die Zürcherin phasenweise tolles Tennis bot – gegen Marta Kostjuk war kein Kraut gewachsen. Bald zeigte sich, dass es nur ein erster Vorbote derer Leistungen war.
Nach Golubic warf Kostjuk mit Iga Swiatek die vierfache Championne in Roland Garros aus dem Turnier, anschliessend zwang die aufschlagstarke Rechtshänderin aus Kiew ihre ukrainische Landsfrau Jelina Switolina in die Knie.
Nun steht Kostjuk erstmals im Halbfinal eines Grand-Slam-Turniers. Dass dies ausgerechnet an den French Open der Fall ist, überrascht. Zuvor war die 23-Jährige ausser 2021 (Achtelfinals) auf der roten Asche Paris' nie über die 2. Runde hinausgekommen. Und doch kommt Kostjuks Höhenflug, sie ist auf Sand in dieser Saison noch ungeschlagen, nicht unerwartet – spätestens seit dem Triumph am WTA-1000-Turnier in Madrid.
Kostjuk bejubelt Madrid-Titel mit Flickflack
Die damalige Gegnerin im Endspiel in der «Caja Magica» ist nun auch an den French Open Kostjuks Halbfinal-Kontrahentin: Mirra Andrejewa. Und hier beginnt die politische Komponente des Duells: Andrejewa ist Russin, Kostjuk meidet im Zusammenhang mit dem Angriffskrieg auf ihr Heimatland jeden Handschlag mit (bela-)russischen Kolleginnen, solange diese nicht klare Kante gegen die Invasion zeigen.
Ich weiss nicht, wie man mit diesem Wissen nachts friedlich schlafen kann.
Da machte sie in Madrid auch keine Ausnahme für Anastasia Potapowa, die mittlerweile für Österreich spielt. Nach dem Halbfinal-Einzug am Dienstag verdeutlichte Kostjuk an der Medienkonferenz: «Ich widme diesen Sieg den Menschen in der Ukraine und ihrer Widerstandsfähigkeit.» Sie erwähnte zudem die Opfer neuerlicher russischer Angriffe in der Nacht auf Dienstag, bei denen mindestens 18 Personen ums Leben kamen.
Kostjuk wünscht sich «eine klarere Haltung» der russischen Spielerinnen: «Insbesondere, wenn dein Land andere Menschen tötet. Ich weiss nicht, wie man mit diesem Wissen nachts friedlich schlafen kann und nichts dazu zu sagen hat.»
«Die grösste Sache, die ich tun kann», sagte die Ukrainerin, «ist hier zu sitzen und darüber zu sprechen, damit mehr Menschen davon erfahren und sich nicht an dieses schreckliche Leben gewöhnen».
Für mich spielt es keine Rolle, gegen wen ich antrete.
Im Falle eines Weiterkommens droht Kostjuk im Endspiel das nächste emotionale Duell. Denn mit Diana Shnaider (WTA 23) – sie misst sich im Aussenseiterinnen-Duell mit der polnischen Qualifikantin Maja Chwalinska (WTA 114) – figuriert noch eine weitere Russin im Tableau.
Nach ihrem Sieg über Sorana Cirstea wurde auch Andrejewa, die die bisherigen beiden Duelle mit Kostjuk verlor, auf das in politischer Hinsicht spezielle Halbfinal-Rencontre angesprochen. Sie wiegelte ab: «Für mich spielt es keine Rolle, gegen wen ich antrete. Ich spiele einfach gegen jeden Ball, der auf mich zukommt.»