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Grand-Slam-Turniere Günthardt: «Habe Federer seit Langem nicht mehr so gut gesehen»

Roger Federer und Stanislas Wawrinka haben bei den Australian Open die ersten vier Runden überstanden. SRF-Tennisexperte Heinz Günthardt blickt auf die erste Turnierwoche zurück und ordnet die Leistung der beiden Schweizer ein.

Roger Federer.
Legende: Zur alten Stärke zurückgefunden Roger Federer. Keystone

Heinz Günthardt, wie fällt ihre Schweizer Turnierbilanz bislang aus?

Stanislas Wawrinka und Roger Federer haben sich fast problemlos in die Viertelfinals gespielt, obwohl die Verhältnisse teilweise enorm schwierig waren. Die Hitze war ja das grosse Thema in der 1. Woche. Auch Roger Federer musste beispielsweise seine Erstrunden-Partie bei brütender Mittagssonne austragen.

Dennoch hinterliess Federer - vor allem im Achtelfinal - einen bärenstarken Eindruck. Wie bewerten Sie seinen Auftritt gegen Tsonga?

Ich habe Federer schon seit Langem nicht mehr so stark gesehen an einem Grand-Slam-Turnier. So konstant, so variabel, über 3 Sätze gegen einen Gegner, der an sich ausgezeichnet gespielt hat. Das lässt für die nächste(n) Runde(n) hoffen.

Federer hat den halben Schritt, den er zeitweise verloren hatte, zurückgewonnen.
Autor: Heinz Günthardt

Hat sich dieser Exploit angekündigt?

Im Vorjahr war Federer erst nicht zu 100 Prozent fit. Dann fehlte ihm das Selbstvertrauen. Glücklicherweise gelangen ihm danach im Herbst in der Halle einige gute Spiele. So konnte er den Schwung mitnehmen. Und da er nach der Saison keine Exhibitions gespielt hat, konnte er an seiner Kondition arbeiten. So hat er den halben Schritt, den er im letzten Jahr zeitweise verloren hatte, nun wieder zurückgewonnen. So konnte er auch aus der Defensive agieren.

Wieviel Selbstvertrauen kann Federer aus dieser Partie mitnehmen?

Federer kann einiges aus dieser Partie mitnehmen, vor allem die Konstanz, die er an den Tag gelegt hat. Ich gehe davon aus, dass er sich sehr gute Chancen gegen Andy Murray ausrechnen wird. Dem Schotten fehlen nach seiner Rückenoperation sicherlich noch ein paar Matches. Bei ihm muss man hinsichtlich der Form ein paar Fragezeichen setzen.

Heinz Günthardt kommentiert für SRF seit Jahren die Tennis-Übertragungen.
Legende: SRF-Experte Heinz Günthardt kommentiert für SRF seit Jahren die Tennis-Übertragungen. SRF

Auch der zweite Schweizer im Feld, Stanislas Wawrinka, wusste bislang zu überzeugen. Er scheint problemlos an sein Niveau des vergangenen Jahres anknüpfen zu können.

Wawrinka hat in den letzten sechs Monaten äusserst konstant gespielt. Auch an den Grand-Slams spielte er mit Ausnahme von Wimbledon (Erstrunden-Aus gegen Lleyton Hewitt, Anm. der Red.) auf konstant hohem Level. Auf diesem Niveau hängt viel mit dem Selbstvertrauen zusammen. Nachdem er bereits in Chennai überzeugen konnte, war für mich klar, dass er auch in Melbourne ein gutes Turnier spielen würde.

Wawrinka profitierte zweimal von den Aufgaben seiner Gegner. Gereicht ihm das zum Vorteil oder fehlt ihm so der Wettkampf-Rhythmus?

Das kann nur ein Vorteil sein, denn dank des Turniersiegs in Chennai hat Wawrinka in diesem Jahr bereits genügend Wettkampf-Praxis gesammelt. Er wird noch Reserven haben. Und die kann er im Viertelfinal gegen Djokovic gut gebrauchen.

Die Vorzeichen stehen also gut für einen Sieg gegen Djokovic...

Absolut. Wawrinka war schon zweimal sehr nahe dran. Er hat sicher etwas gelernt aus den letzten beiden Begegnungen. Ich gehe davon aus, dass er seine Chance packen wird, sofern sich ihm eine bietet.

Was muss er noch verbessern, damit es diesmal reicht?

Er muss mit noch mehr Überzeugung ans Werk gehen. Letztes Jahr zweifelte er in den entscheidenden Momenten. Denn spielerisch hat er in allen Bereichen überzeugt. Entscheidend wird sein Service sein, weil er sich damit ein paar Gratispunkte holen kann.

Man darf von Bencic in den nächsten Monaten keine Wunderdinge erwarten
Autor: Heinz Günthardt

Wie beurteilen Sie die Leistung der Schweizerinnen?

Stefanie Vögele wurde die grosse Hitze zum Verhängnis. Nach einem guten ersten Match wirkte sie beim zweiten Auftritt platt. Positiv überrascht hat Belinda Bencic. Im 2. Satz im Spiel gegen Na Li deutete sie an, welch grosses Potenzial in ihr steckt. Als 16-Jährige auf dem Center Court gegen eine Weltklasse-Spielerin so mithalten zu können, war schon beeindruckend.

Was trauen Sie Bencic in naher Zukunft zu?

Wichtig ist, dass man ihr die nötige Zeit gibt, um ihr Spiel weiterzuentwickeln. Man soll in den nächsten Monaten keine Wunderdinge von ihr erwarten. Ich gehe aber davon aus, dass sie zügig in die Top 100 vorrücken wird und so in Hauptfelder der WTA-Turniere gelangt. Dann wird sich schnell zeigen, ob sie bereits mit den etablierten Spielerinnen mithalten kann oder noch etwas mehr Zeit braucht.

Wen sehen Sie in der Favoritenrolle auf den Turniersieg?

Bei den Männern heisst der Favorit ganz klar Novak Djokovic. Er gewann das Turnier dreimal in Serie und ist seit den US Open ungeschlagen. Bei den Frauen ist nach dem Ausscheiden von Serena Williams ebenfalls die Titelverteidigerin Viktoria Asarenka die Top-Anwärterin.