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1989: Graf und Becker gewinnen innert weniger Stunden Wimbledon
Aus Sport-Clip vom 08.07.2019.
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Journalistin Henkel erzählt «Mit Boris Becker war es immer die grosse Oper»

1989 sorgten Boris Becker und Steffi Graf innert weniger Stunden für einen Wimbledon-Doppelschlag (siehe Video oben). Vom damaligen Tennis-Boom ist heute nicht mehr viel übrig geblieben. Doris Henkel, langjährige deutsche Tennisjournalistin, spricht im Interview über den Ausnahmezustand und müssige Vergleiche.

SRF Sport: Doris Henkel, vor 30 Jahren holten Boris Becker und Steffi Graf in Wimbledon den Titel. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag?

Doris Henkel: Das war ein aussergewöhnliches Ereignis. Aber, es mag zwar seltsam klingen: Die Deutschen waren damals schon sehr verwöhnt. Für Boris Becker war es ja bereits der dritte Titel in Wimbledon und Steffi Graf war zu diesem Zeitpunkt die dominierende Spielerin. Diesen Boom-Effekt, dieses «Ist das wirklich wahr?», gab es selbst an diesem historischen Tag nicht mehr. Es war vielmehr eine Bestätigung, dass Deutschland die führende Tennisnation ist.

Es herrschte damals ein regelrechter Boom. Wie äusserte sich dieser?

Man kam um Tennis einfach nicht herum. Die Spiele liefen im Fernsehen rauf und runter, nicht nur die Grand Slams, auch die kleineren Turniere. Es haben sich alle dafür interessiert, auch ältere Frauen beispielsweise, die sonst nichts mit Sport am Hut hatten. In den Warenhäusern gab es eine riesige Auswahl an Tenniskleidern, man konnte alles vermarkten.

Boris Becker und Steffi Graf 1989.
Legende: Gemeinsame Wimbledon-Sieger Boris Becker und Steffi Graf 1989. imago images

Mit welchen Gefühlen schauen Sie auf diese Zeit zurück?

Es war ohne Frage eine tolle Zeit. Aber es ist lang, lang her. Ich habe mich in den letzten Jahren immer wieder darüber geärgert, dass es Leute gibt, die immer nur nach hinten schauen und ständig vergleichen müssen. Man kann den heutigen Spielern nicht vorwerfen, dass die anderen damals so gut waren. Das ist unfair. Ich habe deshalb zwiespältige Gefühle, wenn ich an diese Zeit zurückdenke.

Mit Becker war es immer die grosse Oper. Langweilige Spiele gab es bei ihm nicht.

Sie als Journalistin haben von den grossen Erfolgen aber auch profitiert.

Natürlich! Ich durfte plötzlich nach Australien, nach New York – das wäre zuvor undenkbar gewesen. In Wimbledon waren auf einmal 20-25 Zeitungsjournalisten vor Ort. Ein Beispiel das unterstreicht, wie verrückt es war: Es gab im westdeutschen Raum damals eine Zeitungsgruppe namens WAZ, dazu gehörten vier Zeitungen. Von allen war jemand hier, obwohl das Einzugsgebiet gerade einmal 60, 70 Kilometer betrug. Jeder wollte etwas vom grossen Tenniskuchen haben.

Sie haben sowohl Becker als auch Graf jahrelang begleitet. Wie haben Sie die beiden erlebt?

Mit Becker war es immer die grosse Oper. Langweilige Spiele gab es bei ihm nicht. Wenn er schlecht in Form war, hat er rumgeschimpft, wenn es gut lief, war es meist spektakulär. Also wer damals nicht über Becker schreiben konnte, der konnte gar nicht schreiben. Mit Steffi war es lange Zeit echt schwer. Ihr Vater hatte ihr eingetrichtert, sich vor Journalisten in Acht zu nehmen, immer misstrauisch zu sein. Das ist natürlich keine Hilfe. Sie war sehr verschlossen.

Ist das denn irgendwann besser geworden?

Ja, in den späteren Jahren ihrer Karriere hat sie sich etwas geöffnet. Ich erinnere mich noch gut an die US Open 1996, als die Steuergeschichte mit ihrem Vater in aller Munde war. Sie hat uns vor Turnierbeginn gebeten, ihr während des Turniers keine Fragen zu diesem Thema zu stellen. Das haben wir alle eingehalten. Sie holte schliesslich den Titel und hat sich dann ausdrücklich bei uns für die Unterstützung bedankt. Da waren wir alle ziemlich verblüfft.

Welche speziellen Erinnerungen verbinden Sie sonst noch mit Graf?

Abgesehen von ihren grossen Erfolgen ist mir ein Ereignis speziell geblieben. 1987 spielte Deutschland das Fed-Cup-Finalturnier in Vancouver. Auf dem Flug lernte das deutsche Team einen Millionär kennen, der in Vancouver ein grosses Haus besitzt. Dort fand dann auch die Siegesfeier statt. Es war eine ausgelassene Stimmung. Vater Graf stand an der Bar und erzählte Geschichten, die Gäste warfen sich gegenseitig in den Pool.

Porwick, Meier, Bunge, Graf, Kohde-Kilsch und Captain Hofsäss.
Legende: Die Fed-Cup-Siegerinnen 1987 Porwick, Meier, Bunge, Graf, Kohde-Kilsch und Captain Hofsäss (von links). imago images

Wie weit ist Deutschland heute von einem Boom entfernt?

Einen solchen Boom wie damals wird es nie mehr geben. Die Zeiten haben sich geändert, die Leute interessieren sich für viele verschiedene Sportarten. Ich würde aber nicht ausschliessen, dass es ein weiteres Wochenende geben könnte, an dem zwei deutsche Spieler hier in Wimbledon gewinnen. Alexander Zverev hat theoretisch das Zeug dazu und Angelique Kerber hat hier ja bereits gewonnen. Doch selbst wenn das passieren sollte: Einen ähnlichen Effekt hätten diese Siege nicht mehr.

Sendebezug: SRF zwei, sportlive, 8.7.19, 13 Uhr

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