Franz Schnyder ist für seine idyllischen Gotthelf-Verfilmungen wie «Ueli der Knecht» bekannt. Mit «Der 10. Mai» schuf der Schweizer Regisseur aber auch einen tiefgründigen Film über die Schweiz im Zweiten Weltkrieg.
Als das Kriegsdrama des Erfolgsgaranten Schnyder 1957 in die Kinos kam, verhiess auch die Besetzung volle Kassen. Heinrich Gretler, Therese Giehse, Walter Roderer, Emil Hegetschwiler, Magrit Rainer, Ruedi Walter und Alfred Rasser kamen zum Zug.
Unmut trotz Staraufgebot
Doch trotz Who's who der nationalen Film- und Theaterszene und begeisterten Kritiken im Ausland stiess «Der 10. Mai» im Inland auf wenig Gegenliebe. Für eine kritische Aufarbeitung der eigenen Rolle im Zweiten Weltkrieg war die Schweiz ganz offensichtlich noch nicht bereit.
Hintergrund: Am 10. Mai 1940 überfiel Hitler-Deutschland die Benelux-Staaten. Zudem marschierten deutsche Truppen entlang der Schweizer Grenze auf. Der Bundesrat ordnete als Reaktion darauf die Generalmobilmachung an.
Von Goodwill bis Verachtung
Filmhandlung: Am besagten Tag flüchtet ein Deutscher in die Schweiz, wo er sich Zuflucht bei alten Bekannten erhofft. Ab da erlebt der Protagonist ein konstantes Wechselbad zwischen Hilfsbereitschaft und panischer Abwehr.
Der Deutsche sieht seine Ohnmacht ein und stellt sich der Polizei. Nach einer langen Nacht auf der Wache bleibt für ihn die bange Frage, wie seine Aussichten für ein Asylgesuch stehen.
Schnyder bleibt standhaft
Schnyders «Der 10. Mai» rüttelte am Bild der heldenhaften Schweiz. Er zeigte die Angst, die Egoismen und die moralischen Grauzonen der Bevölkerung. Weil 1957 noch keinerlei Bereitschaft zu kritischer Selbstreflexion da war, brachte Schnyder 1976 eine Neufassung in die Kinos.
Sein Festhalten am abgeblitzten Filmstoff erklärte Schnyder so: «Mir war wichtig, zu zeigen, wie sich mein Land verhält, wenn es nicht nur schöne 1.-August-Reden hält, sondern wirklich in Gefahr ist.»
Stehvermögen zahlt sich aus
Letztlich hat sich Schnyders langer Atem gelohnt. Heute gilt «Der 10. Mai» als eines seiner bedeutendsten Werke. Allerdings hatte er für die überarbeitete Fassung von 1976 die Original-Negative vernichtet.
SRF hat nach aufwändigen Recherchen und mit Unterstützung verschiedener Institutionen die Originalfassung von 1957 rekonstruiert und restauriert.