Das Schaf «Froya» bringt der Familie Nystabakk lebend keinen direkten Nutzen. Trotzdem möchte Rakel Nystabakk das alte und kranke Schaf bei der Herde lassen. «Ich glaube, es hat einen guten Einfluss auf die anderen», erklärt sie ihrer Frau Ida. Sie behalte das Schaf aus rein geschäftlichen Überlegungen. Und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: «Sicher nicht nur aus emotionalen Gründen.»
Die Nähe zu den Tieren ist ein wichtiges Element auf der Schafzuchtfarm der Familie Nystabakk im Norden Norwegens. Dies wird auch so bleiben, wenn Tochter Rakel die Verantwortung übernimmt.
Die Tochter übernimmt – und der Vater bleibt
Da der Vater körperlich nicht mehr ganz fit ist, gibt er die Hauptverantwortung ab. Tochter Rakel übernimmt, gemeinsam mit ihrer Frau Ida. Die Dokumentation «Woolly - Generationenwechsel auf einer Schaffarm in Norwegen» von Rebekka Nystabakk, der Schwester von Rakel, begleitet die Übergabe während der ersten zwei Jahre.
Dass Rakel als Nachfolgerin infrage kommt, merkte der Vater schon, als Rakel acht Jahre alt war: «Bereits damals half sie mir ohne zu zögern bei allen Arbeiten mit den Schafen.» Auch heute hat Rakel eine enge Bindung zu den Tieren. Wie bei ihrem Vater erhält bei ihr jedes einen Namen.
Obwohl sie auf dem Hof aufgewachsen ist, muss die Schafzüchterin noch einiges lernen. Sie besuchte einen Landwirtschaftskurs, stütz sich aber hauptsächlich auf das Wissen der Eltern. Ob er selbst früher viele Ratschläge bekommen habe, fragt sie ihn. «Leider habe ich mich nie sehr für Anleitungen interessiert», ist seine Antwort.
Auch Tochter Rakel möchte aus dem Gelernten ihre eigenen Schlüsse ziehen: «Man soll versuchen, alles zu lernen, um es kritisch hinterfragen zu können.»
Ich werde noch eine Weile von meinem Vater abhängig sein.
Besonders die Unterstützung ihres Vaters sei Rakel eine grosse Hilfe. Ihn gehen zu lassen, sei nicht einfach für sie. Es gebe viele Arbeiten, die sie noch nie gemacht habe oder nicht kenne. «Ich werde noch eine Weile von ihm abhängig sein.» Und er bleibt an ihrer Seite, so lange er noch kann. Auch spätnachts. «Ich mache gerade Überstunden», witzelt er, als er um zwei Uhr nachts im Stall bei den Lämmern ist.
Auch Rakels Mutter liefert wertvolles Wissen, besonders bei komplizierten Geburten: «Wenn es wirklich schwierig wird, wende ich mich an Mama.»
«Die Tiere zum Schlachter zu schicken, ist hart»
Im Sommer weiden die Schafe in den Bergen. Jedes Jahr verlieren sie dabei einige an Wildtiere. Mit 30–40 Lämmern sind es dieses Jahr besonders viele. Belastend für Rakel, auch wenn es zum Betrieb dazugehört.
Schwierig ist es auch, wenn die Tiere aus den Bergen zurückkommen und zum Schlachter müssen. Sie kennen die Tiere mehrere Jahre und haben eine persönliche Beziehung zu ihnen. Das sei hart, sagt Rakel. «Aber es ist der Preis für die Art Hof, die wir führen.»
Mit alten Techniken in die Zukunft
Zwei Jahre vergehen, bis Rakel von sich sagt, sie sei angekommen in ihrem Leben als Schafzüchterin und Nachfolgerin ihres Vaters. Jetzt kann sie sich auch auf eigene Ideen und die Weiterentwicklung konzentrieren. Etwa den Hof auf Bio umzustellen und das Futter selbst lokal zu produzieren.
Sie möchte aber den Hof mit viel Handarbeit und Liebe weiterführen. «Ich bin sicher, kleinere Höfe mit mehr Handarbeit sind nachhaltiger und zukunftsgerichteter als grosse, industrialisierte Höfe», sagt sie dazu. Trotz strenger Arbeit überwiegt bei ihr auch die Freude an der Arbeit: «In der Schafzucht machen die Schafe am meisten Spass.»