Viele haben ihn erlebt: diesen Moment, in dem alles stimmt. Keine Gedanken, kein Lärm, nur Bewegung, Gefühl und Fokus. Es gibt viele Begriffe dafür, und darunter wahrscheinlich am gängigsten ist Flow.
Flow: Ein Wort, das simpel klingt, aber ein hochkomplexes Zusammenspiel im Gehirn beschreibt. Flow ist ein Zustand zwischen absoluter Kontrolle und totaler Hingabe.
«Odis» erprobte Glaubenssätze
Ein Weg hin zum Flow sind Rituale. Ski-Ass Marco Odermatt sagt dazu: «Ich wiederhole immer und immer wieder bestimmte Glaubenssätze, die ich mir schon vor Jahren angeeignet habe.»
Es sind aber nicht bei allen Menschen die gleichen Dinge, die in den Flow führen. Was funktioniert, ist sehr individuell.
Ex-Formel-1-Fahrer Gerhard Berger erzählt: «Vor dem Qualifying habe ich 30 Minuten geschlafen, dann kurz einen Espresso mit Ramazotti getrunken und bin ins Auto.»
Allen erfolgreichen Ritualen gemeinsam ist, dass sie auf Beruhigung abzielen. Zu viel Angst oder Unruhe verhindern Flow.
Adrenalin ist kontraproduktiv
Bevor der Begriff Flow aufkam, war häufig von Adrenalinjunkies die Rede. Doch diese Bezeichnung ist irreführend.
Adrenalin aktiviert ein Notfallprogramm mit nur drei Optionen: rennen, kämpfen oder erstarren. In den Flow zu kommen ist bei Übererregung jedoch unmöglich.
Gehirn gepusht und gehemmt
Obwohl Flow als Königsweg zu ultimativer Leistung gilt, zählt er zu den Rätseln der modernen Neurobiologie. Seit 30 Jahren versuchen Neurowissenschaftler, ihn zu entschlüsseln.
Im Flow werden bestimmte Hirnbereiche stärker aktiviert, andere dafür gehemmt. Jene Hirnbereiche, die für Gewohnheiten, Fokussierung, Fähigkeiten und Kontrolle sorgen, werden gepusht.
Gehemmt wird hingegen das Nachdenken über sich selbst und das Empfinden von Zeit.
Odermatt beschreibt das so: «Die Zeit wird eher langsamer. Wenn alles super läuft im Rennen, ich im Flow-Zustand bin, habe ich oft das Gefühl, dass ich nie im Stress bin, dass ich Tor für Tor, Bewegung für Bewegung machen kann.»
Feiern erzeugt Vollendung
Im Flow kann man nicht ewig verweilen. Im Gegenteil: Je intensiver der Flow, desto ausgeprägter danach das Bedürfnis nach Entspannung.
Es mag paradox tönen: Spitzensportler praktizieren extreme Konzentration – und müssen deshalb auch ausgelassen feiern.
Odermatt lässt es «oben ohne» krachen
Forscher Damir Del Monte weiss: «Da geht es nicht nur um die Feier als Partyeffekt. Es geht darum, dass in mir etwas ist, das hochgepusht wurde und daher auch eine Vollendung möchte, eine Art Abschluss.»
Wir sind alle ständig im Flow
Als Zlatan Ibrahimov gefragt wird, wie er den Flow, den Tunnel, den Rausch spürt, scherzt die Fussballikone: «Rausch? Ich spüre ihn nicht. Ich bin der Rausch!»
Flow ist ein High-Energy-Zustand, auf den am Ende eine Erholungsphase folgt. Er ist aber nicht allein im Spitzensport präsent, sondern uns allen ein treuer Begleiter.
Wir verbringen 5-10 % unseres Lebens im Flow. Oft, ohne es zu bemerken. Dabei ist nicht wichtig, was wir tun, sondern wie wir es tun. Vertieftsein und Eintauchen in den Moment kennzeichnen den Flow.