Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

Turbulente Weltlage Ramspeck: «Europa steht in mancher Hinsicht nackt da»

«Wir befinden uns mitten in einem Bruch, nicht in einer Übergangsphase», sagte Kanadas Premierminister Mark Carney jüngst am WEF. Wie steht es derzeit um die Weltordnung?

Sebastian Ramspeck

Journalist

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Sebastian Ramspeck ist Journalist und SRF-Korrespondent. Bekannt wurde er vor allem als profunder Analyst der EU-Politik in Brüssel. Seit dem Jahr 2021 ist er als Internationaler Korrespondent tätig und erklärt komplexe globale Zusammenhänge pointiert und kompetent. Ramspeck moderiert zudem die TV-Sendung «SRFglobal», die sich monatlich einem Thema aus der internationalen Politik widmet.

SRF: Wie beurteilen Sie die Lage in der Ukraine?

Sebastian Ramspeck: Die USA als Vermittlerin macht Druck und will bis Juni ein Abkommen. Oft haben Deadlines aber nichts bewirkt, weil Russland kein Interesse an einem Kriegsende zeigte.

Neu sucht auch Macron Kontakt zu Putin. Hat der Westen erkannt, dass es eine Lösung mit Russland braucht?

Der Westen unterstützt die Ukraine nach wie vor, aber mit Trumps Wahl kam ein Strategiewechsel. Die totale Isolation Putins ist gescheitert. Aber auch Gespräche führten bisher nicht zum Ziel.

Ignazio Cassis als amtierender Vorsitzender der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa konnte jüngst in Moskau wenig bewirken.

Internationale Organisationen leben von der Unterstützung ihrer Mitgliedstaaten. Momentan zeigen aber weder Russland noch die USA Interesse an gemeinsamer Problemlösung. Internationale Gremien sind zahnlos geworden.

Was ist die wahrscheinlichste Lösung für den Ukrainekrieg?

Ich sehe zwei Szenarien. Entweder, der Krieg geht weiter, denn Putin glaubt fest an den Sieg. Oder Trumps Druck führt zum Waffenstillstand. Das halte ich leider für weniger wahrscheinlich.

Was erwarten Sie von der Sicherheitskonferenz in München?

Erwartungen zu hegen, fällt immer schwerer. 2025 ist J.D. Vance in München über Europa hergezogen – ein Meilenstein im transatlantischen Zerwürfnis.

Ist die Krise des Westens in Wahrheit eine Krise Europas?

Mit «Westen» meint man gern eine Gemeinschaft, aber dieser Westen ist zutiefst gespalten.

Ist der Wunsch nach Alpha-Männern typisch für unsere Zeit?

Es herrscht vielerorts Verunsicherung. Und das begünstigt stets einfache Rezepte und den Ruf nach starken Männern.

Ist die neue Weltordnung auch ein Kulturkampf?

In allen Demokratien ist Einwanderung ein zentrales Thema. Ohne sie wäre Trump vielleicht gar nicht gewählt worden.

Was ist die neue Rolle von Europa?

Europa steht in mancher Hinsicht nackt da. Die USA entfällt als Beschützer. China produziert heute vieles in besserer Qualität als wir. Und günstiges russisches Öl und Gas ist keines mehr da.

Wenn wir nichts tun, ist Europa in fünf Jahren weggefegt.
Autor: Emmanuel Macron Französischer Präsident

Ist Macrons Warnung Panikmache?

Er wählt drastische Worte, aber natürlich ist Europa nicht auf Augenhöhe mit China und den USA. 2014 hatte die EU einen Anteil von 23 Prozent am Welt-BIP. Heute sind es 13 Prozent. Ein dramatischer Einbruch.

Viele sehen China als lachenden Dritten.

Chinas Aufstieg ist eine der wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte. China ist heute in vielen Bereichen der globale Leader. Und 2050 will es unbestrittene Weltmacht Nummer 1 sein.

Inklusive Taiwan?

Am liebsten wäre China eine friedliche, freiwillige Annexion. Wenn es nicht anders geht, wird es aber irgendwann auch militärische Mittel in Erwägung ziehen. Einen solchen Krieg geht China aber definitiv nur ein, wenn es parat ist. Und das ist heute noch nicht der Fall.

Baut Trump betreffend Iran nur eine Drohkulisse auf?

Ich denke, wenn die USA wirklich das iranische Regime hätten stürzen wollen, haben sie den Moment verpasst.

Sind wir zu fixiert auf Trump und die USA? Müssten wir breiter denken?

Breiter denken ist immer ein gutes Rezept, nicht nur für die Schweiz. Doch Trump kann als US-Präsident vieles durchsetzen, daher ist der Fokus nicht unnatürlich. Langfristig glaube ich aber nicht, dass die «Methode Trump» den USA hilft. Viele gehen jetzt schon auf Distanz.

Das Gespräch führte Urs Gredig.

SRF 1, 12.2.2026, 22:25 Uhr ; 

Meistgelesene Artikel