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Klimawandel und Landwirtschaft Die Sahara erreicht Südeuropa – mit Folgen für die Schweiz

Vor zwei Jahren mussten Bauern auf Sizilien Tiere notschlachten und Zitronenbäume ausreissen. Die Insel steht exemplarisch für die Folgen des Klimawandels. Wie geht es weiter mit der Landwirtschaft?

«Vor zwei Jahren konnte ich hier nichts ernten», sagt der Bauer Salvatore Passamonte, «meine ganze Ernte hatte ich verloren». Er kniet nieder im sattgrünen Weizenfeld und nimmt die noch jungen Ähren in die Hand.

Dieses Jahr hat es dagegen geregnet, wie fast noch nie. Auf dem Ätna lagen mehr als zwei Meter Schnee, Passamonte konnte nicht aussäen, weil es so nass war. «Das ist der Nachteil des Klimawandels. All dieser Regen ist genau so abnormal, wie es vor zwei Jahren die grosse Trockenheit war.»

Person in orange-schwarzer Jacke kniet im grünen Feld unter bewölktem Himmel.
Legende: Bauer Salvatore Passamonte vor seinem Weizenfeld, das dieses Jahr üppig grünt. SRF/Christian von Burg

Wir sind im Landesinneren von Sizilien, in der Region von Catenanuova, einer der heissesten Regionen Europas. Hier wurden schon 48.8 Grad Celsius gemessen. Das ist der bisherige Temperatur-Rekord in Europa. Seit Jahrtausenden gilt das Innere Siziliens als Kornkammer – erst für die Griechen, dann für die Römer, heute für Italien.

Wasserknappheit und tiefe Löhne

Hier wächst der Hartweizen für die italienische Pasta. Der Winterregen reichte bisher für die Bewässerung. Doch nun wird das Wasser zunehmend knapp. Im Sommer 2024 mussten Tankwagen Trinkwasser in die Dörfer und Städte bringen. Für die Felder gab es kein Wasser. Der Weizen verdorrte. Andere Bauern mussten gar ihre Ziegen notschlachten, weil sie kein Futter und kein Wasser mehr hatten.

Zwei Männer stehen auf einem Feld unter bewölktem Himmel.
Legende: Agronom Paolo Caruso und Bauer Salvatore Passamonte setzen jetzt auf alte Getreidesorten, welche der Trockenheit besser standhalten. SRF/Christian von Burg

Neben Bauer Salvatore Passamonte steht Paolo Caruso. Die beiden sind seit vielen Jahren befreundet. Caruso ist Agronom an der Universität Catania und vertritt die Interessen der Getreideproduzenten. «Es ist nicht nur der Klimawandel, der den Bauern zu schaffen macht», sagt Caruso, «genauso einschneidend ist der immer geringere Verdienst der Landwirte». Weil Italien viel Pasta exportiert, habe das Land schon früher 30 Prozent des gesamten Getreides importieren müssen. Unterdessen aber sei der Importanteil auf 50 Prozent gestiegen.

Die Sahara breitet sich durch den Klimawandel immer weiter nach Norden aus
Autor: Davide Faranda Klimawissenschaftler

Der Weizen für die Italienische Pasta kommt auch aus der Ukraine, aus den USA, der Türkei oder aus Kanada. Und jetzt droht gemäss der Einschätzung des Italienischen Forschungsrates bis zu 70 Prozent der Landwirtschaftsfläche Siziliens zur Wüste zu werden. «Die Politik muss die eigene Landwirtschaft wieder stärken, es braucht Gegenmassnahmen, sonst geben immer mehr Bauern die Felder auf und die Wüste breitet sich aus», sagt Caruso, «das ist ein grosses Problem, nicht nur in Sizilien, sondern in ganz Südeuropa.»

Klimawandel fördert die Extreme

Klimawissenschaftler Davide Faranda bestätigt die Einschätzung von Agronom Caruso. Er steht an der Nordküste Siziliens in Sant’ Agata di Militello. «Die Sahara breitet sich durch den Klimawandel immer weiter nach Norden aus», sagt Faranda. Er hat sizilianische und schweizerische Wurzeln und lehrt heute an der Sorbonne in Paris.

«Auch wenn wir das nicht wahrhaben», sagt der renommierte Klimawissenschaftler, «die Sahara hat sich bereits in die südlichen Gebiete Europas verlagert». Doch nicht nur die extrem trockenen Phasen sind in den letzten Jahren häufiger geworden, auch die Winterstürme haben an Stärke deutlich zugenommen. «Das sind die zwei Seiten derselben Medaille», sagt Faranda, «der Klimawandel fördert die Extreme».

Ein umgestürzter Baum am Strand mit Meerblick und Palmen am Rand.
Legende: Das Meer frisst das Ufer weg: Die Küstenpromenade an der Nordküste Siziliens ist durch die Winterstürme bereits arg beschädigt worden. SRF/Christian von Burg

Das wird hier an der Küste sehr deutlich. Die palmengesäumte Küstenpromenade ist unterspült und teilweise eingebrochen. «Achtung, hier hat’s überall Löcher», sagt Faranda, während wir auf dem Lungomare gehen, da wo bis vor kurzem die Einwohner des Küstenstädtchens flanierten. Immer wieder hat es Absperrgitter, einige Palmen stehen schräg, andere sind bereits ganz auf den Kiesstrand gefallen. Verschiedene Zyklone haben die Küste in den letzten Jahre massiv beschädigt.

Vielerorts auf Sizilien wurden auch Küstenstrassen oder Eisenbahnlinien unterspült. «Das sind Milliardenschäden», sagt Faranda, «kleine Ortschaften wie Sant’ Agata di Militello haben zu wenig Geld, um das zu sanieren». Und das Meer nagt weiter. «Das nächste Interview in 30 Jahren müssen wir wohl auf einem Boot machen», scherzt Faranda aber man merkt: Eigentlich ist ihm nicht zum Scherzen zumute.

Zwei Personen stehen neben Zitronenbäumen im Freien.
Legende: Klimaforscher Davide Faranda (rechts) auf Besuch bei seinem Vater Antonino Faranda, der einen ausgedehnten Obst- und Gemüsegarten pflegt. SRF/Christian von Burg

Regelmässig kommt Faranda nach Sizilien, um seinen Vater zu besuchen. Der hat einen grossen Obst- und Gemüsegarten und ist eben dabei, den Boden zwischen seinen Zwiebeln zu hacken. «Zum Glück habe ich genügend Wasser hier aus dem Brunnen», sagt Antonino Faranda, «andere haben im Sommer vor zwei Jahren viele Zitronenbäume verloren – sie sind schlicht vertrocknet.»

Zitronen und Gemüse für die Schweiz

Chiara lo Bianco ist Biobäuerin und produziert Zitronen en gros. Sie steht im Südosten Siziliens bei Syrakus in ihrer Fabrikhalle auf einer riesigen Maschine, welche die Zitronen in drei verschiedene Qualitätsstufen sortiert. Die beste Qualität geht unter anderem in die Schweiz, an die Migros.

«Jedes Jahr kriegen wir eine detaillierte Bestellung, wann sie wieviel Zitronen, Bohnen, Fenchel oder Karotten wollen», sagt lo Bianco. So können wir unsere Produktion genau auf den Markt im Norden abstimmen. Im Winterhalbjahr stammt 95 Prozent des Frischgemüses, inklusive Tomaten und Salate im Grossverteiler aus dem Mittelmeerraum, hauptsächlich aus Spanien und Italien.

Person mit lockigem Haar in einer Lagerhalle mit mehreren Menschen und Maschinen im Hintergrund.
Legende: Die Biobäuerin Chiara lo Bianco beschäftigt gegen 50 Leute und beliefert die Migros mit frischen Zitronen aus der Region Syrakus. SRF/Christian von Burg

«Berufskollegen aus der Region Catania mussten vor zwei Jahren reihenweise Zitronenbäume ausreissen», sagt lo Bianco, «das war furchtbar». Sie selber habe zum Glück einen Brunnen mit viel Grundwasser. «Seither gehen wir jedoch noch sparsamer mit dem Wasser um», sagt die umtriebige Biobäuerin und führt nach draussen in ein langes Foliengewächshaus, wo im April die Bohnen wachsen für den Schweizer Markt.

Lo Bianco zeigt auf einen Schlauch, der unter die Erde führt. «Wir bewässern unsere Bohnen jetzt von unten her, direkt an den Wurzeln, statt wie früher mit Sprinklerbewässerung von oben». So lässt sich bis zu 40 Prozent Wasser einsparen.

Zwei Personen stehen in einem Gewächshaus mit Pflanzen.
Legende: Die Bohnen aus diesem Folientunnel landen beim Schweizer Grossverteiler. Agronom Francesco hat eben aus den Fläschchen kleine Nützlinge auf die Pflanzen verteilt. SRF/Christian von Burg

Die zunehmende Hitze führt aber auch dazu, dass man in Sizilien jetzt tropische Früchte anbauen kann. Chiara lo Bianco führt auf ein weiteres Feld, wo der Agronom Alberto Continella mit seinem Team soeben die Avocadobäumchen untersucht. «Wir erzielen hier unterdessen sehr gute Resultate», sagt der Forscher, der versucht die Anbaumethoden zu optimieren, «wir brauchen deutlich weniger Wasser für den Anbau von Avocado als in anderen Ländern».

Tropische Früchte als zweischneidige Chance

Auch Litschi, Mango, Papaya und Bananen wachsen unterdessen auf Sizilien. Bio-Bäuerin Chiara lo Bianco sagt, es mache zwar Spass, neue Obstarten auszuprobieren, aber sie betrachte das eher als Trostpreis: «Zentral ist, dass wir die Ursachen des Klimawandels so konsequent wie möglich bekämpfen». Und trotzdem freut sie sich über die neuen tropischen Früchte. «Eine frische Mango, direkt vom Baum», sagt lo Bianco, «das ist vom Geschmack her ein ganz anderes Erlebnis als bei einer weit her importierten, gekühlten Importfrucht.»

Person neben blühendem Baum auf einem Feld bei bewölktem Himmel.
Legende: Avocado (im Hintergrund) seien hundertmal heikler im Anbau als Zitronen, aber eine wirtschaftlich interessante Alternative, sagt Agronom Alberto Continella. SRF/Christian von Burg

Die Wüste breitet sich also nach Norden aus und die Bäuerinnen und Bauern in Sizilien versuchen dagegen anzukämpfen. Es ist aber nicht so, dass sich die Anbaumöglichkeiten mit der Klimaerwärmung einfach weiter gegen Norden verschieben, dass also Sizilien die neue Region für Bananen und Mango würde und die Schweiz ein Eldorado für Zitronen. «Zitronen sind frostempfindlich», sagt Agronom Continella, «eine Verschiebung des Anbaus dürfte nur der Mittelmeerküste entlang Richtung Norden möglich sein, da wo das Thermometer nicht unter Null fällt».

Generell wird die Landwirtschaft mit der Klimaerwärmung komplizierter, denn mit der Zunahme der Wetterextreme müssen die Kulturen sowohl vor der Trockenheit, wie auch vor Extremniederschlägen geschützt werden. «Es wird vermutlich auch in Zukunft insgesamt genügend zu essen geben», sagt Continella, «aber wegen des komplizierteren Anbaus werden die Lebensmittel wohl teurer». Der Preis für Olivenöl zum Beispiel hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt.

Radio SRF 1, International, 21.06.2026, 18:30 Uhr

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