Der derzeitige Meeresspiegel liegt im Durschnitt rund 30 Zentimeter höher, als bisher berechnet. Dies zeigt eine im Fachmagazin Nature veröffentlichte Studie. Andersrum gesagt: viele Küstenregionen liegen tiefer als angenommen. Steigt der Meeresspiegel bis zum Jahr 2100 um einen Meter - wie es ein Maximalszenario vorhersagt - wären bis zu 37 Prozent mehr Fläche betroffen. Vor allem in Ländern im globalen Süden, Südostasien und dem Pazifikraum. Schlimmstenfalls wären rund 80 bis 130 Millionen Menschen weltweit betroffen. Frühere Schätzungen gingen von etwa 50 Millionen Betroffenen aus.
Thomas Frölicher, Ozean- und Klimaexperte von der Uni Bern, war an der Studie nicht beteiligt und ordnet die Studienergebnisse im Interview ein.
SRF Wissen: Was bedeutet der höhere Meeresspiegel?
Wenn Küsten tiefer liegen als gedacht, müssen mehr Menschen vom steigenden Meeresspiegel geschützt werden – etwa in Ländern wie Indonesien, Malaysia, oder den Philippinen. Zu den Schutzmassnahmen zählen Deiche, Pumpen oder natürliche Küstenschutz-Systeme wie zum Beispiel Mangroven. Aber in manchen Regionen könnten auch Umsiedlungen nötig werden und Massnahmen müssten früher geplant werden.
Haben die Wissenschaftler des Weltklimarats bisher falsch gerechnet?
Nein. Der Weltklimarat berechnet den Meeresspiegel nicht selbst, sondern er fasst die Forschung zusammen. Die Projektionen, wie stark der Meeresspiegel künftig ansteigen wird, gelten nach wie vor. Die Studie betrifft vor allem die Frage, wie viele Menschen und wie viel Land davon betroffen sein könnten. Die Nature-Studie hat jetzt eine neue Näherung gebracht.
Die Studie hat die bisher verwendeten Methoden unter die Lupe genommen und selbst neue Berechnungen aufgestellt. Was genau ist da neu?
Die Forschenden haben die bestehenden Daten neu kombiniert. Früher hat man angenommen, der sogenannte «Geoid» gibt den Meeresspiegel an. Der Geoid wird abgeleitet aus Schwerkraft und Erdrotation. Aber man weiss, dass zum Beispiel dynamische Effekte wie Meeresströmungen, Winde oder Temperaturunterschiede auch einen – lokal variierenden – Einfluss auf den Meeresspiegel haben. Das wurde bisher nicht miteinbezogen in die Berechnungen. Nun aber haben das die Forschenden miteinander kombiniert. Sie haben neue Satellitenmessungen mit diesen Geoid-Messungen zusammengebracht und so den Meeresspiegel neu berechnet.
Wie verlässlich oder wie gut ist diese neue Studie?
Die Studie ist sehr solide, weil sie vorhandene Studien und Daten systematisch überprüft hat. Sie zeigt einen möglichen methodischen Fehler, der bisher gemacht wurde, und der wurde korrigiert. Aber man muss sich bewusst sein: Die Unsicherheiten, um wieviel der Meeresspiegel in der Zukunft steigen wird, sind damit nicht weg. Denn diese Unsicherheiten basieren auf unserem Verständnis, wie die Ozeanzirkulation sich verändern wird, wie die Eiskappen in der Antarktis, aber auch das grönländischen Eis in der Zukunft schmelzen wird. Und da haben wir noch grosse Unsicherheiten. Einer der grössten Unsicherheitsfaktoren bleibt, wie schnell wir die CO₂ Emissionen reduzieren können – dann davon hängt massgeblich ab, wie stark der Meeresspiegel in Zukunft ansteigt.
Das Interview führte Anita Vonmont.