Zum Inhalt springen

Header

Video
Projekt Unterhose
Aus nano vom 03.09.2021.
abspielen
Inhalt

Beweisstück Unterhose Was Unterwäsche über die Qualität unserer Böden verrät

Mit Hilfe von rund 2000 vergrabenen Unterhosen und 6000 Teebeuteln kartieren Ökologen der Zürcher Agroscope den Zustand und die Bioaktivität des Schweizer Bodens.

«Die ist schon recht angefressen. Da ist was gegangen in den letzten zwei Monaten!» Was der Zürcher Bio-Landwirt Markus Götsch an diesem späten Junimorgen aus seinem Acker gegraben hat, erinnert nur noch entfernt an das Textil, das es einmal war. Von der ehemals blütenweissen Unterwäsche sind nur ein paar unappetitliche Fetzen und die Bündchen aus Gummibändern übrig. Und das nach nur acht Wochen im Erdboden!

Damals, Anfang Mai, öffnete Götsch ein Paket, das er sich von der Agroscope, der Schweizer Forschungsanstalt für Landwirtschaft, Ernährung und Umwelt, hatte kommen lassen. Darin befanden sich zwei Unterhosen, sechs Teebeutel und eine Gebrauchsanleitung, die ihn anwies, die Unterhosen zusammen mit den Teebeuteln an einer Stelle seiner Wahl zu vergraben.

Es tut weh, einen Boden zu sehen, der einfach weggeschwemmt oder weggeweht wird.
Autor: Franz Bender Bodenökologe

Damit nahm Markus Götsch, wie auch landesweit über 1000 andere Schweizerinnen und Schweizer, teil an einer wissenschaftlichen Studie, die mittlerweile weltweit Aufsehen erregt hat: dem Projekt «Beweisstück Unterhose».

Preiswerte Analyse unserer Böden

Die Initiatoren des Projekts sind Marcel van der Heijden und Franz Bender – beide sind Bodenökologen an der Agroscope Zürich. Ihr Ziel: Die breite Öffentlichkeit auf die ebenso lebenswichtige wie auch stark bedrohte Ressource Erdboden aufmerksam zu machen. «Es tut weh, einen Boden zu sehen, der einfach weggeschwemmt oder weggeweht wird», sagt Franz Bender, denn damit verbunden sind dann, besonders in Entwicklungsländern, Hunger und Not.

Zudem wollen die Zürcher Experten mit ihrem Projekt eine verblüffend einfache, preiswerte und weltweit anwendbare Analysemethode für den Zustand eines Bodens entwickeln. Dabei gilt: Je stärker eine Unterhose zersetzt ist, desto aktiver sind die Lebewesen im Erdboden und desto besser ist seine Qualität – zum Beispiel für die Produktion von Nahrungsmitteln. «Das ganze System funktioniert einfach besser, wenn die Biodiversität hoch ist», so Marcel van der Heijden.

Im Boden das pralle Leben

Bis zu 10 Milliarden Lebewesen finden sich in einer Handvoll gesunder Erde: Insekten, Spinnentiere, Würmer, Pilze und Bakterien. Die Tiere wirken alle in einem vielschichtigen System, das dafür sorgt, dass zum Beispiel Getreidepflanzen überhaupt Nährstoffe aufnehmen können. In seiner Komplexität sei der Boden, so Franz Bender bisher nur wenig erforscht: «Der Boden ist wirklich eine grosse unbekannte Masse.»

Das ganze System funktioniert einfach besser, wenn die Biodiversität hoch ist.
Autor: Marcel van der Heijden Bodenökologe

Nach rund acht Wochen im Schweizer Boden erreichen immer mehr Pakete mit mehr oder weniger zersetzten Unterhosen das Labor der Agroscope. Sie alle werden feinsäuberlich dokumentiert und per spezieller Software auf ihren Zersetzungsgrad hin untersucht. Zudem haben die Teilnehmenden auf der Website des Projektes zusätzliche Informationen wie die genaue Position oder die Strategie der Boden-Bewirtschaftung hinterlegt.

Erste Zwischenergebnisse zeigen regional grosse Unterschiede im Grad der Zersetzung. Die ebenfalls am Projekt beteiligte Biologin Noemi Peter hat dazu bereits eine Idee: «Wir haben die Vermutung, dass die Bewirtschaftung einen Einfluss auf die Aktivität von Boden-Mikroorganismen hat, die auch am Abbau des Baumwollstoffs beteiligt sind.»

Schutz für den Lebensraum Boden

In den kommenden Wochen soll die Analyse der eingesammelten Erdproben zeigen, ob ein direkter Zusammenhang besteht zwischen dem Einsatz von Pestiziden oder zu viel Dünger und dem Leben im Boden. Wenn ja, so wäre dies sicherlich ein weiterer Weckruf für den dringend notwendigen Schutz eines ebenso wichtigen wie auch sensiblen Lebensraum.

Mehr Aha-Momente

Box aufklappen Box zuklappen
Mehr Aha-Momente

Weitere spannende Inhalte aus dem Bereich Wissen und Gesundheit finden Sie auf dem neuen Webportal von SRF Wissen. Aha-Momente garantiert!

www.srf.ch/wissen

Nano, 03.09.2021, 10:55 Uhr

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

7 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Mark R. Koller  (Mareko)
    Ein spannender und einfacher Test, um die Bioversität des Bodens herauszufinden. Ich werde über Agroscope versuchen, die Details dazu herauszufinden, denn mich interessiert es, wie der Test auf unserer fernen Südsee-Insel ausfallen wird. Der Boden, die Erde ist hier sehr unterschiedlich zur Schweiz, es ist ein fruchtbarer, ungedüngter Boden, durchsetzt mit vielen Lavasteinen, welche dafür sorgen, dass bei unseren häufigen Starkregen die vom Bewuchs befreite Erde weniger weggeschwemmt wird.
  • Kommentar von Christine Gross  (Tina)
    Die Wichtigkeit eines gesunden Bodens zu erkennen und zu unterstützen kann nicht genug betont werden. In diesem Sinne ist diese Aktion wichtig. Dass jedoch neue Unterhosen dabei eingesetzt werden, ist ein absoluter ökologischer Unsinn. Ich bitte SRF in Erfahrung zu bringen, wo diese Unterhosen hergestellt wurden, zu welchem Preis, ob faire Herstellungsbedingungen zugesichert werden können, ob Umweltauflagen eingehalten wurden .. Es kann doch nicht sein, dass man Wasser predigt und Wein trinkt.
    1. Antwort von Antwort SRF (SRF)
      Sehr geehrte Frau Gross
      Danke für Ihren Kommentar. Die für dieses Projekt verwendeten Bio-Baumwoll Unterhosen wurden unter fairen Bedingungen in Portugal hergestellt. In der Forschung lässt sich ein gewisser Ressourcenverbrauch oftmals leider nicht vermeiden, doch versuchen wir ihn auf ein Minimum zu reduzieren. Für die wissenschaftliche Auswertung ist es wichtig, dass alle Unterhosen identisch sind. Mit gebrauchten Unterhosen wäre dies leider nicht möglich gewesen.
  • Kommentar von Hermann Grob  (Gradus)
    Ist doch eigentlich idiotisch, U-Buchsen zu vergraben. Zuschneiden, nähen, Gummibänder montieren und dann vergraben. Es wäre doch billiger und einfacher, den Stoff unverarbeitet einzulochen.
    1. Antwort von Simon Stankowski  (Stan)
      ... falls sie dann die Hosenreste überhaupt noch finden. Der Gummi ist doch der Beweis, dass da mal was war.
    2. Antwort von Fabian Munz  (famu)
      Es geht auch um den Marketing-Effekt, damit überhaupt so viele freiwillige Personen dabei mitgemacht haben. Dass Personen ihre Freizeit für den Versuch eingesetzt haben, ist sehr Ressourcen-schonend und macht insgesamt eine positive ökonomische und ökologische Bilanz. Ich hab von den Unterhosen-Versuch über die sozialen Medien erfahren und selbst eine auf meinem Acker, mit der Erkenntnis, dass die intensive Landwirtschaft mit Fruchtfolgefläche der Biodiversität im Boden sehr geschadet hatte.