Zum Inhalt springen

Header

Audio
Zwei Frauen erhalten Nobelpreis für Chemie
Aus Rendez-vous vom 07.10.2020.
abspielen. Laufzeit 03:22 Minuten.
Inhalt

Nobelpreis für Chemie Zwei Forscherinnen geehrt – sie entdeckten die präzise Genschere

Der Chemie-Nobelpreis geht dieses Jahr an zwei Genforscherinnen. Ihre Arbeit zu CRISPR-Cas9 erlaubt es Wissenschaftlern, das Erbgut gezielt zu verändern.

Schon lange können Forschende die Gene in unserem Erbgut lesen. Doch um herauszufinden, welche Funktion ein Gen hat, müssen sie das Erbgut kontrolliert verändern können. Solche Veränderungen brauchten früher viel Arbeit.

Doch dann haben die Französin Emmanuelle Charpentier und die Amerikanerin Jennifer Doudna eine Technik entwickelt, die es erlaubt, Gene einfach und gezielt zu verändern. Sie heisst CRISPR-Cas9 – und ist eigentlich ein Teil des Immunsystems von Bakterien.

Video
Emanuelle Charpentier und ihre Genschere
Aus Einstein vom 18.10.2018.
abspielen

Wie auch wir leiden Bakterien unter Virus-Erkrankungen. Wenn Viren ein Bakterium angreifen, pumpen sie ihr eigenes Erbgut in das Bakterium hinein. Ihr Ziel: Das Bakterium dazu bringen, das virale Erbgut abzulesen. Denn dadurch wird das Bakterium zur Viren-Fabrik umprogrammiert.

So wird der Viren-Angriff abgewehrt

Entkommt ein Bakterium diesem Schicksal, behält es ein kleines, ungefährliches Stück des viralen Erbguts und baut es an einer ganz bestimmten Stelle, die «CRISPR» genannt wird, in sein eigenes Erbgut ein.

Kopien dieser Viren-Gen-Schnipsel kann ein Protein namens Cas9 nun als Steckbrief nutzen: Es vergleicht den Schnipsel mit jedem Stück Erbgut, das sich in seiner Nähe befindet. Findet Cas9 eine Übereinstimmung, muss es sich um Erbgut eines Virus handeln, das sich versucht in die Zelle einzuschleichen. Cas9 reagiert prompt und zerschneidet das virale Erbgut. Angriff abgewehrt.

Die Natur als Werkzeug

Charpentier und Doudna entdeckten 2012, wie diese Genschere aus CRISPR und Cas9 funktioniert und wie sie sich steuern lässt. Damit lösten sie eine Welle von neuen wissenschaftlichen Errungenschaften aus.

Forschende aus aller Welt zeigen, dass man die CRISPR-Cas9-Genschere dazu benutzen kann, jedes beliebige Erbgut zu verändern. Man kann Gene ausschalten, indem man sie mit CRISPR-Cas9 zerschneidet. Man kann Zellen aber auch dazu bringen, am Ort, wo die Genschere einen Schnitt gesetzt hat, ein neues Stück Erbgut einzusetzen.

Legende: Mit der Genschere Crispr-Cas9 lässt sich die DNA von Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen mit extrem hoher Präzision verändern. Getty Images / Craftscience Photolibrary

Rasend schnell wird die Genschere zum unverzichtbaren Werkzeug der Forschung. Die federführenden Forscherinnen werden nun – nur acht Jahre nach ihrer Entdeckung – mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.

Eine Innovation, die nicht für den Verkauf zugelassen ist

Heute kann man mit CRISPR-Cas9 ein erwünschtes Gen direkt in eine Pflanze reinkopieren. Das Resultat: neue Reis-Sorten, die gegen Pilzerkrankungen resistent sind. Tomaten, die länger haltbar sind. Mais, der Trockenheit besser übersteht. Bislang wachsen diese genveränderten Pflanzen jedoch nur auf Versuchsfeldern, für den Verkauf sind sie nicht zugelassen.

Auch das menschliche Genom lässt sich mit CRISPR-Cas9 verändern. Die Genschere wird beispielsweise in klinischen Versuchen eingesetzt, um Sichelzellanämie zu heilen, eine Erkrankung der Blutzellen.

Man entnimmt den Patienten Blutstammzellen und korrigiert das Gen, das die Erkrankung auslöst. Zurück im Körper produzieren die Blutstammzellen dann gesundes Blut. Wie lange der Effekt anhält, ist noch nicht sicher. Aber die Ergebnisse der klinischen Studien machen Hoffnung.

Video
Kühe ohne Hörner – dank Genschere Crispr
Aus Kultur Webvideos vom 19.10.2018.
abspielen

Macht erfordert Verantwortung

Doch es gibt auch Skandale. In China hat ein Forscher illegalerweise das Erbgut von Zwillingsmädchen vor ihrer Geburt so verändert, dass sie die genetischen Veränderungen – und die Fehler, die durch die Genveränderung passiert sein könnten – an ihre Kinder weitergeben. Da die Folgen des Eingriffs noch nicht absehbar sind, verurteilten Forschende und Ethiker die vorschnellen Experimente.

Mit der Macht, menschliche Gene zu bearbeiten, geht auch eine grosse Verantwortung einher. Es besteht breite Einigkeit, dass die Anwendung von CRISPR-Cas9 reguliert werden muss.

SRF News, Rendez-Vous, 07.10.2020, 12:30 Uhr.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

4 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Aktuell sind keine Kommentare unter diesem Artikel mehr möglich.

  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Das ist ein riesiger Fortschritt. All die Gentechbremser ja - Verhinderer/innen müssen
    ueberzeugt werden, dass eine Hungerrevolte nur
    Mittels Gentechnologie in ca 15-20 Jahre abgewendet werden kann
    Typisches Beispiel aktuell
    die Vergilbung der Zuckerrübe könnte mit
    dieser Methode innerhalb
    von ca 10 ausgemerzt werden, aber das Gentech-
    Moratorium verbietet den Einsatz einstweilen
    die Menschheit blockiert sich selber
  • Kommentar von Walter Schmid  (W. Schmid)
    Wenn ich da an die vielen an Psoriasis (Schuppenflechte) erkrankten Menschen, jung und alt, denke, hoffe ich auf einen schnellen Erfolg.
    1. Antwort von Mike Pünt  (Scientist)
      Schnelle Erfolge wird es mit Crispr (oder anderen Gentherapien) leider nicht geben. Obwohl mit Hochdruck in hunderten Laboren weltweit an diesen Techniken gearbeitet wird, bleiben immer noch viele Probleme ungelöst. Schlussendlich wollen wir Therapien, welche nicht nur effektiv sind, sondern auch sicher.
  • Kommentar von Julius Stern  (Stimme der Vernunft)
    Zukunftsmusik schon heute. Das sind tolle wissenschaftliche News!