Das Internet als Hörsaal: Kritik an Online-Vorlesungen

Immer mehr Universitäten öffnen sich im Internet den Massen. Sie stellen ihre Vorlesungen gratis online. So sollen alle Menschen Zugang zu höherer Bildung bekommen. Das klingt gut, doch die Idee hat auch Gegner. Denn die Online-Vorlesungen halten noch nicht, was sie versprechen.

Im Internet kann man heute fast alles studieren: Astronomie, Poesie, Recht, Finanzwesen, Computerlinguistik und so weiter. Um die 800 Vorlesungen findet man schon auf sogenannten MOOC-Plattformen. MOOC steht für «Massive Open Online Course». Es ist eine Abkürzung, die viele Bildungsexperten zum Schwärmen bringt. Sie versprechen sich von den Gratis-Vorlesungen im Internet eine Demokratisierung der Bildung.

Zugpferd ETH Lausanne

Ganz vorne bei diesem Trend mit dabei ist die ETH Lausanne mit ihrem Präsidenten Patrick Aebischer. Er konzentriert sich mit seiner Hochschule auf Angebote für Westafrika, weil dort auch Französisch gesprochen wird. Patrick Aebischer ist überzeugt, dass sie Länder Westafrikas von den MOOCs enorm profitieren können: «Ich sehe nicht, wie sie sonst bei der Bildung Anschluss an den Westen finden sollen.»

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Was sind MOOCs?

Massive Open Online Courses, kurz MOOCs, sind im Wesentlichen Vorlesungen, die abgefilmt werden und dann online gratis als Video verfügbar sind. Manchmal sind die Vorlesungen ergänzt mit Fragebogen, Diskussionsforen und Prüfungen. Die drei wichtigsten Anbieter sind Coursera, EdX und Udacity.

Doch es gibt auch skeptische Stimmen. Zum Beispiel von der Bildungsforscherin Bernadette Charlier von der Universität Fribourg. Sie erinnert sich an ähnliche Projekte, die es früher via Radio oder Fernsehen gab: das Telekolleg in Deutschland zum Beispiel oder das Bildungsfernsehen der BBC.

Auch damals schon wollte man mit den Kursen einer breiten Masse in Afrika die höhere Bildung erschliessen oder ihnen auch einfach Französisch beibringen. «Doch die Kurse scheiterten, weil sie lokal nicht verankert waren», sagt Charlier.

Lokale Verankerung wichtig

Diesen Fehler will Patrick Aebischer vermeiden. Seine Professoren reisen regelmässig nach Westafrika und tauschen sich mit ihren afrikanischen Kollegen aus. Neuerdings bietet die ETH Lausanne auch Kurse an, die spezifisch auf afrikanische Studentinnen und Studenten zugeschnitten sind. Zum Beispiel einen über die Urbanisierung in Afrika und einen über den Umgang mit Trinkwasser.

Unterstützt wird das Projekt von Stiftungen und von der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza). Die bezahlt 1,5 Millionen Franken für das Projekt der EPFL in Afrika; das deckt etwa ein Drittel der Kosten für drei Jahre. Man erhofft sich bei der Deza dank den MOOCs eine bessere Bildung für eine neue afrikanische Elite von Technokraten und Managern.

Enttäuschende Zahlen

Die Frage ist allerdings: Wie gut kann man von MOOCs lernen? Die ersten Erfahrungen sind nicht gerade ermutigend. Zwar schreiben sich manchmal mehr als hunderttausend Studenten für einen Kurs ein. Davon beenden allerdings nur etwa 4 bis 10 Prozent die Kurse. In dieser Hinsicht seien MOOCs also ein Fehlschlag, meint Charlier.

Ausserdem haben mehrere Studien gezeigt, dass die allermeisten MOOC-Nutzer aus dem Westen stammen, eher reich, eher älter und bereits gebildet sind. Die Online-Vorlesungen erreichen also nicht das ursprüngliche Zielpublikum. Viele junge, ärmere Menschen mit diesen Kursen zu bilden, das bleibt (bis jetzt) eine Utopie.

Auch die Anbieter und Hochschulen haben diese Probleme erkannt. Deshalb setzen sie nun vermehrt auf die Idee des «umgedrehten Unterrichts». Dabei schaut man die Kurse per Video zu Hause an und macht dann im Klassenzimmer gemeinsam die Hausaufgaben, unterstützt von Tutoren. Die Hoffnung ist, dass dann mehr Studenten die Kurse auch beenden.

Nicht weniger Aufwand

Das scheint allerdings auch nicht so wirklich zu funktionieren. Zumindest nicht an der San José State University in Kalifornien, die mit solchen MOOCs schon Erfahrung hat. Die Online-Kurse funktionierten nur dann gut, wenn Professoren und Studenten sich überdurchschnittlich stark engagierten. Dann sind sie aber teurer als der herkömmliche Unterricht.

Für Peter Hadreas, Philosophie-Professor an der San José State University, ist deshalb klar: MOOCs sind kein Zaubermittel. Man muss sich gut überlegen, wie und wo man sie einsetzt. Gemeinsam mit seinen Kollegen hat er sich letztes Jahr in einem Brief gegen den Plan seines Präsidenten gewehrt, 40 Prozent der Grundkurse durch MOOCs zu ersetzen. Zwar hält auch Hadreas das Online-Lernen für eine grosse Chance. Aber nur dann, wenn man es richtig macht.

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