Zum Inhalt springen

Technik Gurken und Tomaten aus der Wüste

Es ist ein alter Menschheitstraum, die Wüsten urbar zu machen. Das Sahara Forest Project verspricht genau dies. Doch es soll nicht nur die trockenen Weltregionen mit eigener Nahrung versorgen, sondern zudem den Klimawandel bekämpfen. Nun wurde die erste Pilotanlage im Golfemirat Katar eröffnet.

Überblicksbild über die Pilotanlage in Katar.
Legende: So funktioniert die Anlage: Die Ziffern 1 bis 8 bezeichnen die verschiedenen Produktionsstätten. Die Erklärungen finden Sie im Text. Sahara Forest Project

Die Vision klingt bestechend: Öde Wüsten erblühen und bringen Tomaten und Gurken hervor, gleichzeitig wird klimaschädliches Kohlendioxidgas (CO2) aus der Atmosphäre entfernt und dazu noch Strom produziert. Dies alles wollen die Wissenschaftler und Manager des Sahara Forest Projects (SFP) erreichen. Sie nutzen dafür Technologien, die alle schon länger bekannt sind – aber noch nie zusammen in einem System verwendet wurden.

Wie die Anlage funktioniert

Im Golfstaat Katar, in der Mesaieed Industrial City, ist vor kurzem die erste Pilotanlage eröffnet worden. So funktioniert sie:
 
1. Gewächshaus: Meerwasser wird in porösen Wänden aus Karton verdunstet. Dies kühlt die heisse Wüstenluft im Gewächshaus, in dem Gemüse wie Tomaten und Gurken gezogen wird.

Das Sonnenwärmekraftwerk des Sahara Forest Project
Legende: Das Sonnenwärmekraftwerk: Die Sonnenkollektoren produzieren Strom für die die Entsalzungsanlage. Das gewonnene Süswasser bekommen die Pflanzen. Sahara Forest Project

2. Sonnenwärmekraftwerk: Produziert Wärme und Elektrizität. Der Strom speist eine Entsalzungsanlage für Meerwasser. Das Süsswasser wird für die Pflanzen im Gewächshaus verwendet.
3. Algenzucht: Bevor das vom nahen Meer herangepumpte Salzwasser das Gewächshaus kühlt, werden darin Algen gezüchtet. Sie werden zu Biotreibstoff verarbeitet.
4. Wuchsbeet für Salz liebende Pflanzen: Sie werden mit dem Meerwasser gegossen. Der Rest des Wassers wird aufgefangen und zur Gewächshauskühlung weitergeleitet. Die Pflanzen dienen als Viehfutter.
5. Gekühlte Aussenbeete für Rucola, Gerste oder Gräser: Was nach der Kühlung des Gewächshauses an Meerwasser übrigbleibt, wird zur Kühlung dieser Aussenbeete verwendet. Das funktioniert nach demselben Prinzip.
6. Verdunstungsbecken: Hier landet der Rest des immer konzentrierteren Salzwassers. Die Sonnenwärme verdunstet alle Feuchtigkeit. Zurück bleibt Salz.
7. Büro- und Laborcontainer mit Fotovoltaikzellen zur Stromproduktion.
8. Die grösste Düngerfabrik der Welt: Hier wird aus Erdgas Harnstoff und Ammoniak hergestellt. Dabei fallen riesige Mengen an klimaschädlichem CO2 an. Statt das Treibhausgas in die Luft zu blasen, könnte es als Dünger für die Gewächshäuser verwendet werden. In der Pilotanlage wird dies allerdings noch nicht gemacht.

Bild der Pilotanlage des Sahara Porest Project von oben.
Legende: Vision Sahara Porest Project: In Zukunft könnte die Anlage 4000 Hektaren Fläche bedecken und 20'000 Menschen einen Arbeitsplatz bieten. Sahara Porest Project

Noch ist das System nicht perfekt. In der Pilotanlage erforschen die Wissenschaftler zum Beispiel, welche Pflanzen am besten für die High-Tech-Oasen geeignet sind oder wie die verschiedenen Kreisläufe optimal aufeinander abgestimmt werden können.

Florian Kraxner vom Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse ist angetan vom Projekt in der Wüste Katars: «Eine beeindruckende Anlage – das Wichtigste ist, dass den Worten nun Taten gefolgt sind.» Denn Ideen, die Wüsten urbar zu machen, gibt es schon länger.

Neue Jobs in der Wüste

Ob der Ansatz des SFP im grösseren Massstab funktioniert, wird sich weisen müssen. Als nächstes plant die Organisation aus Norwegen eine erste grosse Anlage in Jordanien, am Rand des Roten Meers. Sie soll 20 Hektaren umfassen und würde etwa 50 bis 100 Millionen Franken kosten – eine teure Technologie.

Als Vision schweben Joakim Hauge, dem SFP-Chef, gar Anlagen von 4000 Hektaren vor – so gross wie der Kanton Basel-Stadt. Solche Gross-Oasen würden etwa 20'000 Jobs in der Wüste bieten, pro Jahr 190'000 Tonnen Tomaten und Melonen produzieren und etwa 50'000 Tonnen des Klimagases CO2 unschädlich machen.

Noch viele Fragen offen

Doch bis dahin ist es ein weiter Weg, sagt der Systemforscher Florian Kraxner, der nicht an SFP beteiligt ist: Neben manchen technischen Problemen, die gelöst werden müssen, stellen sich auch gesellschaftliche und soziale Fragen: Viele Wüstengebiete liegen in politisch instabilen Ländern – es müssten sich erst Grossinvestoren finden lassen, die trotzdem bis zu dreistellige Millionenbeträge in die Begrünungs-Technologie investieren wollen.

Kraxner kann sich deshalb vorstellen, dass das Prinzip zuerst im trockenen Südspanien Fuss fassen könnte. Ein Gebiet, aus dem viel Gemüse in den Schweizer Läden stammt. Vielleicht essen wir also dereinst Tomaten und Melonen, die in Hightech-Oasen gezogen wurden.

 

5 Kommentare

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von André Mengis, E-14012 Cordoba
    Die Wassergewinnung aus dem Meer ist schon lange ein Anliegen. Es müsste doch möglich sein, das Meerwasser zu entsalzen und mittels Piplines in das Landesinnere zu führen in grosse Reservoirs oder Binnenseen um damit Bewässerungsanlagen zu speisen oder auch um Waldbrände zu bekämpfen wie wir sie jedes Jahr weltweit haben. Wenn man den grossen Nutzen daraus sieht, müsste eine Finanzierung dieser Anlagen möglich sein. Reduzieren wir für ein Jahr die Militärausgaben weltweit um die Hä...
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Therese Escher, 3900 Brig
    Ausgezeichnet, so könnte weltweit das Wasserproblem gelöst werden und der Hunger in der Welt vermieden werden. Wie kann man das Salzproblem lösen? Es müsste eine Möglichkeit geben das Salz als Energiestoff zu verwenden mit irgendeiner Mischung. Gleichzeitig würde auch das Ueberschwemmungsproblem gelöst werden, wenn dem Meer viel Wasser entzogen wird. Ein Thema für das SRF als DOK oder Einstein-Sendung. Wir müssen die Diskussuion für dieses Thema anregen!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Adolf Rechthaber, 8802 Kilchberg
      Oder Sie trinken einfach fleissig Wasser. So wird in einigen Milliarden Jahren das Problem des steigenden Meeresspiegels sicher auch gelöst sein. Aber das Pinkeln müssten Sie dann schon einstellen!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von R.-Paul Escher, 3900 Brig
    Statt Waffen und Technologien für das Weltall zu erforschen sollten die Gelder wirklich in sinnvolle Anlagen, wie diese investiert werden. Es leiden fast alle meeranreiher Staaten an Dürre und Wassermangel und somit auch an Hunger, auch in Europa. (Griechenland, Portugal, Spanien usw.) vielleicht sogar eine Aufgabe für die EU?! Mit diesem System könnten weltweit hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen werden. Es wäre sogar für die USA eine sinnvolle Investion im eigenen Land.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen