Im Untergrund drohen Wasserlecks

Ein Grossteil der Abwasserkanäle im Schweizer Boden ist in die Jahre gekommen und muss erneuert werden. Die Gemeinden stehen vor einer Herkulesaufgabe, denn dieses Leitungsnetz ist riesig. Mit einem neuen Modell wollen Forscher die brüchigsten Leitungen lokalisieren.

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Im Untergrund drohen Wasserlecks

Einmal drehen, und sauberes Trinkwasser sprudelt aus dem Wasserhahn. Einmal drücken, und unsere Hinterlassenschaft entschwindet in der Kloschüssel. Heute ist das eine Selbstverständlichkeit. Doch noch vor gar nicht allzu langer Zeit war das anders. 1963 war in Zermatt mitten während eines sportlichen Grossanlasses Typhus ausgebrochen, höchstwahrscheinlich wegen verunreinigtem Trinkwasser. Hunderte von Personen aus dem In- und Ausland erkrankten an der Seuche, mehrere starben daran. Für die Schweiz war das eine Katastrophe.

Serie «Vor 50 Jahren»: Der Typhus wütet in Zermatt

5:06 min, aus Einstein vom 19.12.2013

Doch im Nachhinein hat sie immerhin etwas bewirkt: In den 1960er- bis 90er-Jahren bauten die Gemeinden einen Grossteil der heutigen Kanalisationen sowie viele Trinkwasserleitungen. Würde man all diese Leitungen neu bauen, müssten die Gemeinden über 80 Milliarden Franken investieren, verteilt über die nächsten drei bis vier Jahrzehnte.

Keine Abstriche bei Sauberkeit und Hygiene

Max Maurer und Judit Lienert vom Wasserforschungsinstitut des Bundes, Eawag, plädieren für eine solch umfassende Erneuerung, denn die damals gebauten Leitungen seien heute angejahrt und würden nun immer grössere Schäden produzieren.

Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 61 (NFP61) suchen sie daher gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern, wie die Abwasser- und Trinkwasserversorgung auch künftig gehalten werden kann. Eines hätten die bisherigen Untersuchungen klar gezeigt, sagt Judit Lienert: Bei den heutigen Sauberkeits- und Hygienestandards des Trink- und Abwassernetzes wolle niemand – weder Bevölkerung noch Gemeinden und Fachleute – Abstriche machen, um Geld zu sparen.

Künftig mehr Leitungsbrüche

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Gigantisches Netz im Boden

Würde man alle Abwasserkanäle und Trinkwasserleitungen in der Schweiz aneinanderreihen, könnte man damit fünfmal den Globus umrunden. Das Wasser- und Abwassernetz hat mit 220 Milliarden Franken den gleichen Wiederbeschaffungswert wie Strassen-, Bahn- und Flughafeninfrastruktur zusammen. Gut ein Drittel dieses Netzes ist erneuerungsbedürftig.

Tatsächlich haben aber lang nicht alle Gemeinden in der Schweiz eine Strategie, wie sie die hohe Qualität der derzeitigen Wasserversorgung auch künftig halten können. Vor allem kleine, ländliche Gemeinden, so Max Maurer, würden sich oft aufs Reparieren von Leitungsbrüchen beschränken. Diese Ad-Hoc-Reparaturen, hat die Froschungsgruppe des NFP61 berechnet, ist auf die Schnelle zwar die billigste Strategie. Doch sie hat längerfristig negative Folgen: Es sind zunehmend mehr Leitungsbrüche zu erwarten.

Das heisst auch, dass es mehr Baustellen und Service-Unterbrüche wegen gebrochener Leitungen geben dürfte und der Gewässerschutz wegen häufiger austretender Fäkalien leiden wird; auch fürs Grundwasser und damit das Trinkwasser stellen alte dauerreparierte Leitungen mit Sickerstellen und häufigen Brüchen ein gewisses Risiko dar.

Prognose-Modell soll helfen

Damit es erst gar nicht dazu kommt, haben die Forscher des NFP61 ein Modell entwickelt, das Gemeinden helfen soll, ihre Nachhaltigskeitsziele und Massnahmen frühzeitig aufzugleisen. Mit einem weiteren Modell, einem Prognosemodell, können sie eruieren, wo in einem Leitungsnetz die brüchigsten Leitungsstränge liegen. Dieses Bruchprognosemodell beruht auf Daten, die kleine elektronische Helfer einholen: Röhrenförmige Roboter fahren mit Videokameras durch die Abwasserkanäle und dokumentieren deren Zustand.

Ein Roboter in einem Rohr. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Roboter wie dieser dokumentieren den Zustand von Abwasserkanälen. Vorne die mit Scheinwerfer erhellte Kamera. SBU AG, Rorschach

Gefüttert wird dieses Prognosemodell auch mit schon vorhandenen Informationen etwa aus Leitungsinventaren von Gemeinden. Ausserdem interviewen die Forschenden langjährige Spezialisten in den Gemeinden, die den Zustand des Leitungsnetzes oft über Jahrzehnte zurück im Gedächtnis haben. So lassen sich laut Max Maurer gut abgestützte Prognosen treffen, welche Leitungen wo brechen; sogar wenn Roboter-Analysen unmöglich sind und schriftliche Daten fehlen, wie das oft bei alten Trinkwasserleitungen der Fall ist.

Mit diesen Prognosen könnten Gemeinden die brüchigsten Leitungen zuerst erneuern. Dies garantiert im Vergleich zu blossem Reparieren eine bessere, allerdings nicht billigere Wasserversorgung der Zukunft. Die heute die Reparaturstrategie fahrenden Gemeinden kommen also nicht darum herum, sich bald Gedanken zu machen, wie sie die nötigen Finanzen bereitstellen, um ihre Leitungsnetze nachhaltig zu erneuern.