Offene Tore zur Schatzkammer der Nation

Jeder Bürger kann zum Forscher und Mitdenker staatlichen Handelns werden. Im Bundesarchiv in Bern werden Tausende von Original-Schriftstücken digitalisiert und ins Netz gestellt. Der Online-Zugang gilt auch für historische Bundesratsprotokolle, Mobilmachungs-Akten, Fotosammlungen und Privatarchive.

Buchdeckel der Schweizerischen Bundesverfassung von 1848, dunkelroter Einband mit Schweizer Kreuz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine Nation, ein Bund: Auch das Original der Bundesverfassung von 1848 ist online. SRF

Ein Klick, und die Agenda der Bundesratssitzung vom 30. Juli 1914 öffnet sich. Zitat: «nachmittags, 4 Uhr: Die Wahl des Generals». An diesem Tag hatte die russische Regierung die Mobilmachung ihrer Streitkräfte befohlen.

Ein weiterer Klick, und die offizielle Fotosammlung der Armee über die Schweiz im Ersten Weltkrieg öffnet sich. 5000 Werke, die Originale waren noch auf Glasplatten – auch sie sind online: Darunter befinden sich Grundrisse geheimer Festungsanlagen, Aufnahmen der militärischen Führung, des Waffenarsenals... und ganz unerwartet auch dieses Bild: Hungrige Kinder mit ernsten Augen und zusammengebissenen Zähnen schauen zu, wie die Soldaten aus der Feldküche eine warme Mahlzeit erhalten. Die Mehlpreise hatten sich damals in kürzester Zeit verdoppelt. Während die Armeeführung die Soldaten noch verpflegen konnte, darbte die Zivilbevölkerung, Frauen und Kinder hatten Hunger.

Die Demokratie transparent machen

Zwei Beispiele unter tausenden: Das Schweizerische Bundesarchiv in Bern ist eine historisch-politische Schatztruhe, welche die Zeit von 1848 – Gründung des modernen Bundesstaats – bis zum heutigen Tag umfasst. Tag für Tag sammeln und digitalisieren Teams aus Historikern und Informatikern die Spuren politischen Handelns: Protokolle und Beschlüsse aus dem Parlament, dem Bundesrat. Aber auch Gerichtsakten, Urteile, Staatsverträge und Abstimmungsunterlagen.

«Bürgerinnen und Bürger haben ein Recht drauf, dass die Regierung transparent macht, wie sie zu ihren Entscheiden kommt und gekommen ist», sagt der Direktor des Bundesarchivs, Andreas Kellerhals. «Und damit meine ich auch den Zugang für die kommenden Generationen, auch jene in hunderten von Jahren.»

60 Kilometer lange Aktenberge

Dieser Zugang ist grundsätzlich bereits seit Gründung des Archivs unentgeltlich möglich. Doch seit die Teams vor neun Jahren mit der Digitalisierung begonnen haben, können die Akten und mit ihnen tausende von Trouvaillen von zu Hause aus eingesehen werden. Keine schriftlichen Gesuche sind mehr nötig, keine Reise nach Bern. Stöbern, recherchieren, Suchen und Finden: Das geht alles via Internet.

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Zugang trotz Schutzfrist

Ausnahmen bei der Herausgabe von Dokumenten vor Ablauf der Schutzfrist werden beim Bundesarchiv immer wieder gemacht. Nötig ist dafür allerdings ein schriftliches Gesuch, welches das Interesse an diesen Akten seriös begründet.

Doch es gibt einen Wermutstropfen: Die Aktenberge von 60 Kilometern Länge sind längst nicht alle digitalisiert und teilweise versperren gesetzliche Schutzfristen die digitale Zugänglichkeit. Die meisten Unterlagen sind während 30 Jahren für die Öffentlichkeit gesperrt. Bei Dossiers mit Namen von Bürgern oder ganzen Persönlichkeitsprofilen verlangt das Gesetz sogar eine Schutzfrist von 50 Jahren.

Die Menge der digitalisierten Dokumente, die online und unentgeltlich zugänglich sind, wächst trotzdem jeden Tag. Und der Aufruf von Direktor Andreas Kellerhals an die Bevölkerung, von ihrem «Recht auf direkten Zugang zu den Quellen der Macht» Gebrauch zu machen, scheint ernst, denn auf der Website des Archivs findet sich ein detaillierter Leitfaden, wie in den verborgenen Schätzen online gestöbert werden kann.

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