SBB wollen Pendlerströme effizienter durch Bahnhöfe schleusen

Auf den Perrons wird es eng. Gerade zu Stosszeiten stossen viele Bahnhöfe an ihre Kapazitätsgrenzen. Rolltreppen und Perrons sind verstopft; es kommt zu Staus, Verspätungen und Sicherheitsrisiken. Mit Infrarotkameras und Videobrillen wollen die SBB jetzt die kritischen Punkte ermitteln.

Gewusel im Zürcher Hauptbahnhof, oben leuchtet ein Schild "Bahnhof Buffet". Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Einige reisen, andere flanieren: Bahnhöfe werden zunehmend zu eigentlichen Stadtzentren mit Geschäften und Restaurants. Das bringt Probleme. Keystone

Die Bahnhöfe der Schweiz platzen aus allen Nähten. Die Zahl der Bahnhofnutzer nimmt stetig zu, der vorhandene Platz jedoch bleibt gleich. Zusätzlich zu der Million Passagiere, welche die SBB täglich transportiert, nimmt auch die Zahl der Bahnhofnutzer zu, die gar nicht mit dem Zug unterwegs sind. Für die einen ist der Bahnhof Transitraum, das Sprungbrett vom oder zum Zug. Andere nutzen ihn als Aufenthaltsraum, als Shoppingcenter oder zur Verpflegung. Diese Mischnutzung führt zu sehr unterschiedlichen Bewegungsmuster, welche sich oft kreuzen und die Personenflüsse behindern.

Bestes Beispiel: eine mannshohe Werbetafel, die die neuesten Schlagzeilen einer Zeitung zeigt. Ein Teil der Fussgänger bleibt stehen, um den Text zu lesen, andere, um eine Gratiszeitung zu ergattern, während gleichzeitig Reisende durch diesen Pulk müssen, um ans Perron zu kommen. Da die meisten Passanten vor oder nach einem Engpass ihr Tempo verlangsamen oder mit ihren Rollkoffern beschäftigt sind, kommt es schnell zu Gedrängel und Staus.

Gezielte Information

Die SBB wollen das ändern – mit möglichst einfachen Mitteln. Die Kundenführung soll verbessert werden, um suchendes oder stockendes Gehen zu minimieren. Denn je flüssiger Personen gehen, desto besser wird der vorhandene Platz ausgenützt.

Beat Hürzeler zur Verflüssigung der Personenströme

0:26 min, vom 30.10.2013

SBB-Forschungsleiter Beat Hürzeler betont, dass die Leute sich daran gewöhnen müssen, dass nicht mehr so viel Platz vorhanden ist wie bis anhin. Am schnellsten liessen sich die Kapazitäten erhöhen, wenn die Bahnkunden ihr Verhalten veränderten. Das wollen die SBB durch gezielte Führung und Information fördern.

Blau für Reisende, rot für Spaziergänger

Am Bahnhof Basel testen sie, welche Massnahmen helfen, möglichst direkt und intuitiv zum gewünschten Ziel zu gelangen. Die Massnahmen: grosse, leere Flächen, auf denen die Menschen ungehindert zirkulieren können und breite Verbindungen von und zu den Perrons – ohne Sichtbehinderung. Klar erkennbare Informationsbereiche und eine «blaue Welt» mit hinterleuchteten Piktogrammtafeln, welche die Kunden fortlaufend durch den Bahnhof leiten sollen. Denn optimalerweise sollten die Reisenden Informationen zwar wahrnehmen, aber nicht lesen müssen.

Eine grosse blaue Tafel mit verschiedenen Angaben wie City, Perronnummern und Flughafenzeichen im Basler Bahnhof. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Kurz, knapp, blau: Grosse Hinweistafeln mit wenig Text sollen die Menschen schnell und unkompliziert durch den Bahnhof leiten. SRF

Mit möglichst wenigen, aber auffälligen Tafeln sollen ortsunkundige Reisende vom Perron direkt zu einem zentralen Informationspunkt in der Haupthalle des Bahnhofs gelangen. Hier wird der Strom der Reisenden aufgesplittet und zu den verschiedenen Zielen geleitet. Um die Zirkulation zu verbessern, wurden die Telefonzellen, Billetautomaten und Abfallkübel aus der Mitte der Halle entfernt.

Um die Personenflüsse der Reisenden von jenen der übrigen Bahnhofsnutzern zu trennen, lancieren die SBB zusätzlich zu den blauen Informationstafeln eine neue «rote Welt» welche über die anderen Angebote im Bahnhof wie Einkaufs- oder Verpflegungsmöglichkeiten orientiert. Hauptkennzeichen ist das spezielle Signet in Form einer Einkaufstasche.

Bahnkunden unter Beobachtung

Zusammen mit der ETH Lausanne untersuchen die SBB, ob und wie die Massnahmen greifen. Seit über einem Jahr werden mit Dutzenden von Infrarotsensoren die Personenflüsse in den Bahnhöfen Basel und Lausanne gemessen. Sie zeichnen anhand der Körperwärme der Passanten ihre exakten Wege auf. Erstmals entsteht so ein realistisches Abbild des scheinbar chaotischen Gewusels, «eine Weltpremiere», meint SBB-Forschungsleiter Hürzeler. Erstmals gebe es die Chance, etwas zu messen, was man bis anhin nicht möglich war. Und zu eruieren, wie die Personenströme beeinflussbar sind.

Eine Frau mit Videobrille. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mit den Augen der Kunden sehen: Mit einer Videobrille durchschreitet eine Testperson den Basler Bahnhof. SRF

Um noch genauer zu erfahren, was Reisenden bei der Orientierung hilft und was sie behindert, schickt die SBB ortsunkundige Personen durch den Bahnhof. Diese hatten typische Aufgaben zu lösen wie zum Beispiel Umsteigen oder die Touristeninformation zu finden. Die Probanden trugen dabei eine Spezialbrille, die den Raum vor der Person filmte sowie ihre Blickrichtung aufzeichnet. So kann die SBB den umgestalteten Banhof im wahrsten Sinne des Wortes mit den Augen der Reisenden sehen und erkennen, welche Massnahmen helfen, und welche zu Verunsicherung oder gar Stress führen können. Die Sensoren in Basel werden Ende November abmontiert und ausgewertet. Dann erst beginnt die eigentliche Arbeit.

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