Die Idee, Brillen zu bauen, die über eine Sehhilfe hinausgehen, ist alt. Schon in den 1960er-Jahren präsentierte der Wissenschaftler Ivan Sutherland eine Brille für erweiterte Realität (AR), einen Helm, der mit spinnenartigen Tentakeln den Testpersonen zwei kleine Monitore vor die Augen hielt. Auch 30 Jahre später sahen die «Datenhelme» ähnlich furchteinflössend und zusammengebastelt aus.
Es wurde 2013, bis Google «smarte» Brillen für alle auf den Markt brachte – das Projekt «Google Glass» aber wenig später beerdigte.
Vor fünf Jahren machte sich Meta daran, Kamera, Mikrofone, KI-Assistent und soziale Medien in ein gefälliges Sonnenbrillen-Design zu giessen. «Smart Glasses» für den Alltag, auch, weil durch den Verzicht auf hochauflösende Displays der Akku einen halben Tag hält und das Gewicht der Brille unter 100 Gramm liegt.
Neue Mensch-Maschinen-Schnittstelle
Zur Bedienung wischt die Trägerin über den Brillenbügel oder trägt ein Armband, das Muskelsignale- und Bewegungen misst. In dem der Benutzer die Hand dreht, kann er sich etwa durch Whatsapp-Nachrichten bewegen. Die Brille flüstert ihm die Nachrichten ins Ohr oder zeigt sie je nach Modell in einer briefmarkengrossen Anzeige im Brillenglas an.
Mit einer weiteren Handbewegung ist es möglich, eine Antwort zu diktieren oder zu schreiben. Das soll funktionieren, in dem man so tut, als würde man mit der Hand schreiben – auf einer beliebigen Oberfläche.
Drittes Auge und Ohr
Die Absicht dahinter: Das Smartphone soll immer verstaut bleiben können. Dazu benötigt eine smarte Brille auch eine Kamera – wer will schon aufs Fotografieren verzichten?
Eingebaute Mikrofone und Lautsprecher machen die Brille zur intelligenten Freisprechanlage. So ist es möglich, mit jemandem in einer fremden Sprache zu kommunizieren und die Übersetzung wenige Sekunden verzögert über die Brille zu hören.
Ein anderes Szenario: Wer eine smarte Brille trägt, soll die Frage stellen können: «Wo sind meine Schlüssel?» Die Brille antwortet, weil sie sich den Ablageort mit einem Kamerabild gemerkt hat. Eine faszinierende Technologie mit Schattenseiten.
Datensauger
Damit die Brillen nützlich werden, wertet Künstliche Intelligenz permanent aus, was die Kamera sieht und die Mikrofone hören. Wie geht Meta mit diesen Daten um? Eine kürzliche Meldung lässt aufhorchen: Auf Brillenkamera-Videos sollen nackte Leute in ihren Badezimmern gesehen worden sein. Das berichten Mitarbeitende, die das Bildmaterial für das Training der Künstlichen Intelligenz bearbeiten.
Der Fall erinnert an den Sprachassistenten «Alexa», der für das KI-Training auch einmal ein Gespräch zwischen Ehepaaren aufzeichnete, was 2018 für Aufregung sorgte.
Werden sich die Brillen durchsetzen?
Dem Siegeszug der Sprachassistenten schadete der Vorfall nicht. Wer ChatGPT nutzt, spricht lieber mit dem KI-Bot, statt zu tippen. Bei den «Smart Glasses» wird die Entwicklung wohl ähnlich sein: Wenn sie uns genug Arbeit abnehmen und viel Komfort bringen, werden sogar jene eine Brille anziehen, die das aus medizinischer Sicht gar nicht müssten.
Bezüglich Umgang mit Daten werden wir Meta dann schlicht vertrauen müssen. Oder Apple und Google. Auch diese beiden Datenkonzerne glauben daran, dass smarte Brillen smarte Phones ablösen können und wollen bald eigene Produkte anbieten.