Van Gogh ermattet

Einst leuchtend gelb, heute braun: Die Gemälde impressionistischer Meister machen einen eindrücklichen Wandel durch. Welche chemischen Reaktionen van Goghs Sonnenblumengelb verblühen lassen, hat ein internationales Forscherteam nun unter dem Mikroskop beobachtet.

Selbstporträt von Vincent van Gogh aus dem Jahr 1887. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Meister im Umgang mit Farben: Der Niederländer Vincent van Gogh gilt als einer der Gründerväter der Moderne. (Ausschnitt aus einem Selbstporträt,1887) Keystone

Leuchtend gelbe Ährenfelder, Sandbänke und Sonnenblumen auf den Bildern von Vincent van Gogh verlieren über die Zeit an Strahlkraft. Das fiel schon im 19. Jahrhundert auf. Die industriell hergestellten, preiswerten, vor allem aber unvergleichlich hellen Chromgelb-Pigmente, mit denen Künstler damals arbeiteten, verfärbten sich meist bereits in den ersten Jahrzehnten in ein unansehnlich mattes Braun – etwa auf Gemälden wie Les Alyscamps von Vincent van Gogh. Ähnlich erging und ergeht es vielen Gemälden aus der Zeit des Impressionismus.

Proben mit UV-Licht bestrahlt

Es ist ein Wandel der Chromverbindungen, der sich hier dem Auge des Betrachters offenbart. Das ist zwar schon länger bekannt, doch nun ist es einem Forscherteam von der Unviersität Antwerpen erstmals gelungen, die chemischen Alterungsprozesse auf Atomebene mitzuverfolgen – dank modernster Mikroskope. Was die Wissenschaftler zu sehen bekamen, war eindrücklich.

Auf diesem Bild mit dem Titel «Fallende Herbstblätter» haben sich die Farben über die Jahre stark verändert. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fallende Herbstblätter: Warum sich van Goghs leuchtendes Gelb in einen Braunton verwandelt, haben die Forscher auch an diesem Bild untersucht. Sailko / Wikipedia

Ein Team um den Chemiker Koen Janssens liess Proben aus einer 100 Jahre alten Originaltube mit Ölfarbe unter dem Einfluss intensiver UV-Bestrahlung im Zeitraffer altern. Das Resultat: Die ursprünglich leuchtend gelbe Ölfarbe verwandelte sich allmählich in ein Schokolade-Braun.

Zerfall hängt von Bedingungen ab

Die Antwerpener Forscher haben beobachtet, wie sich die für den leuchtend hellen Gelbton verantwortliche Chromverbindungen auftrennen, um sich in anderer Formation zu braunem Chromoxid zusammen zu tun. Je höher der Sulfat-Gehalt und je kleiner die Chrom-Pigmente, desto schneller zerfallen sie.

Da die Zusammensetzung und Grösse der synthetischen Chromgelb-Pigmente im 19. Jahrhundert stark variierte, zerfielen und zerfallen nicht alle Gelbtöne auf impressionistischen Gemälden im gleichen Ausmass. Auslöser der Veränderungen ist das Licht, insbesondere im unsichtbaren Bereich – also etwa im Ultraviolett- und Infrarot-Bereich.

Betroffen ist zwar nur die äusserste, hauchdünne Farbschicht. Trotzdem würden Restauratorinnen wie Ella Hendriks, Restauratorin und Konservatorin am Van-Gogh-Museum in Amsterdam, nie daran rühren. Die ethischen Standards geböten es heute, auf keinen Fall Originalmaterial zu entfernen und auch keine neue Farbe aufzutragen.

Expertin: Alterung akzeptieren können

Dennoch stellt sich im Gegenzug natürlich die Frage, ob es ethisch vertretbar ist, Gemälde zu präsentieren, deren Farben heute nicht mehr jenen entsprechen, die Maler wie Vincent van Gogh für ihre Gemälde verwendet haben. In diesem Fall entfalten die Werke nicht mehr die Wirkung, die der Künstler ursprünglich beabsichtigte.

 Das Bild «Weizenfeld» von Vincent van Gogh vor einer Auktion in Hong Kong. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Mindestens 30 Millionen Dollar wert: Van Goghs Umgang mit der Farbe Gelb fasziniert bis heute. Das Bild «Weizenfeld» vor einer Auktion in Hong Kong. Keystone

Ella Hendriks plädiert für mehr Realitätssinn. «Alle Bilder unterscheiden sich von ihrem Ursprungszustand», sagt sie. Jedes Gemälde beginne in dem Moment zu altern, in dem es von der Staffelei genommen werde. Dessen seien sich Künstler immer sehr bewusst gewesen. Wir müssten einfach unser Denken über Originale ändern und akzeptieren, dass sich jedes Bild über die Zeit verändere.

Erfreute Reaktionen beim Publikum

Der Entscheid van Goghs, auf die strahlend gelben Chrom-Pigmente zu setzen, markiert einen Meilenstein in der Geschichte der Kunst. Die Wirkung war schon damals umwerfend und berührt offensichtlich auch die Betrachter von heute. Dies haben Konservatorin Ella Hendriks und ihre Kollegen am Van-Gogh-Museum eindrücklich beobachten können.

Sie wagten ein Experiment und projizierten neben van Goghs legendärem Schlafzimmer-Gemälde eine Rekonstruktion mit den ursprünglichen, vom heutigen Original stark abweichenden Farben: «Während es für uns Fachleute sehr verwirrlich war, die beiden offensichtlich sehr unterschiedlichen Bilder zu betrachten», erzählt Hendriks, «hat das Publikum äusserst positiv auf die beiden Versionen reagiert. Die Menschen haben sich gefreut und besser verstanden, welche Wirkung der Künstler mit seiner Farbwahl beabsichtigte.»

Es sind Studien wie jene von Chemiker Koen Janssens von der Universität Antwerpen, die solche Rekonstruktionen heute möglich machen. Der Farbwandel des instabilen Chromgelbs jedoch ist irreversibel. Restauratorinnen wie Ella Hendrik sehen ihre Hauptaufgabe darin, den weiteren Zerfall zu verhindern. Der beste, aber unrealistische Schutz wäre völlige Dunkelheit. Der zweitbeste besteht in einem Kompromiss: Wenn schon Licht, dann möglichst wenig unsichtbares, über möglichst kurze Zeit in möglichst geringer Menge.