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Zugssicherheit Stellwerke, die diskreten Rückgrate unserer Eisenbahn

Den Bahnhofsvorstand mit dem Stumpen, der an einem Weichen-Hebel zieht, gibt es nicht mehr. Die Bahn ist dennoch erstaunlich analog unterwegs: Die Hälfte der Stellwerke wird gesteuert mit Relais-Technologie aus den 1960er Jahren, die zuverlässig mit den digitalen Betriebszentralen zusammenarbeitet.

Stellwerke sorgen dafür, dass Weichen und Signale gestellt sind. Wer spätestens in den 1970er Jahren schon auf der Welt war, konnte die Ur-Form eines Stellwerks erleben: Gut sichtbar hinter einer grossen Scheibe bediente der Bahnhofsvorstand grosse Hebel in verschiedenen Farben – oft mit einem Stumpen im Mund.

Ausgeklügeltes analoges Sicherheits-System

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Hebel-Stellwerke hatten bereits eine Sicherung eingebaut, die fehlerhafte Bedienung durch den Mensch verhinderte – eine mechanische Datenverarbeitung. Nur wenn die nötigen Weichen richtig gestellt waren, konnte ein Schienen-Abschnitt für einen einfahrenden Zug frei gegeben werden.

Und erst, wenn diese sogenannte Fahrstrasse eingestellt war, konnte der Bahnhofsvorstand das Signal öffnen. Gleichzeitig wurden die Weichen verriegelt, so dass sie nicht mehr umgestellt werden konnten.

Drahtseile oder Gestänge übertrugen die Muskelkraft des Bahnhofsvorstands an die Weichen. Aus dieser Zeit stammen auch die Glocken, die an Bahnhöfen die Ankunft eines Zuges ankündigten, das sogenannte Läutewerk.

Die Glocken sind verschwunden. Sie stehen höchstens noch im Garten eines pensionierten Bähnlers. Ebenso die Hebel-Stellwerke. An ihre Stelle kamen Relais-Stellwerke. Statt über Hebel bediente der Bahnhofsvorstand die Weichen und Signale nun über bunte Druckknöpfe auf einem Schaltpult.

Schaltpult im Bahnhof Schaffhausen.
Legende: Schaltpult im Bahnhof Schaffhausen. Reto Widmer/SRF

Über Kabel gelangten die elektrischen Schaltbefehle in einen Raum mit Relais – die «Intelligenz» des Stellwerks, die schlussendlich über Motoren die Weichen und Signale stellte.

Zentralisieren und fernsteuern

Weil es nun keine mechanischen Verbindungen zu den Weichen mehr brauchte, lag es nahe, mehrere Bahnhofs-Stellwerke zusammenzufassen und von einem Ort aus fernzusteuern. Heute gibt es kaum mehr Relais-Stellwerke, die vor Ort bedient werden.

Ausnahme ist der Bahnhof Schaffhausen. Von aussen erkennen Reisende das Pult des Stellwerks hinter der grossen Scheibe gegenüber Gleis 1. Die Relais-Technik ist in einem Raum im Keller des Bahnhofsgebäudes untergebracht.

Im Relais-Raum des Stellwerks Schaffhausen

Solche Relais-Räume mit analoger Technologie gibt es bei der SBB noch in etwa 250 der rund 500 Stellwerken. Gesteuert werden sie aber nicht vor Ort wie in Schaffhausen, sondern in einer der vier Betriebszentralen in Zürich-Kloten, Olten, in Renens bei Lausanne und Pollegio im Tessin.

Von einem Ort aus alle Bahnhöfe und Stellwerke im Griff

In den Zentren ist alles digital. Auf mehreren Monitoren sehen die Fahrdienstleiter die Abbildungen der Gleise verschiedener Bahnhöfe und können mit der Maus ins Stellwerk eingreifen – statt vor Ort auf einen der bunten Knöpfe auf dem Schaltpult zu drücken.

Zweimal vier Monitore auf einem Schreibtisch. Davor ein Mann, der telefoniert und sich etwas notiert.
Legende: Arbeitsplatz eines Fahrdienstleiters in der Betriebszentrale Ost beim Flughafen Zürich. Mit der weissen Tastatur und Maus bedient der Fahrdienstleiter die sicherheitsrelevanten Stellwerke. Die schwarze Tastatur und Maus ist für Programme, die nicht sicherheitsrelevant sind. Reto Widmer/SRF

Normalerweise läuft der Zugbetrieb automatisch. Der Computer spielt Bahnhofsvorstand. Nur bei Ereignissen, die nicht dem Fahrplan entsprechen, greift die Fahrdienstleiterin ein.

Die SBB wird immer digitaler

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Die vier Betriebszentralen der SBB sind digital und arbeiten mit den noch analogen Relais-Stellwerken zusammen. Immer mehr soll nun aber diese analoge Technologie aus den 1960er Jahren digital werden. Die SBB will die ersten digitalen Stellwerke nach erfolgreicher Erprobung 2029 in Betrieb nehmen und 80 Prozent der analogen Anlagen in den nächsten 20 Jahren ersetzen.

Die Einführung digitaler Stellwerke ist die Voraussetzung für die Umsetzung der Führerstandsignalisierung. Die Technologie zeigt den Lokführerinnen und Lokführern alle Signale und wichtigen Fahrinformationen direkt im Führerstand an und nicht mehr mit Signalen entlang der Strecke. Das ist die Grundlage, damit mehr Züge und in kürzeren Abständen verkehren können.

Faszinierende Kombination von analog und digital

Während andere Infrastrukturen, wie zum Beispiel jene der Telekomunikation, ihre analogen Technologien in Rente geschickt haben, arbeiten bei der Bahn täglich digitale Steuerprogramme mit analogen Relais zuverlässig zusammen.

«Faszinierend!» findet Jonas Hunziker. Der erst 19 Jahre alte Elektroniker-Lehrling hat im ehemaligen Fahrdienstbüro des Bahnhofs Wiler bei Utzenstorf ein kleines Museum für Stellwerke eingerichtet. Alle funktionieren wie im echten Betrieb.

Deshalb melden sich vermehrt Eisenbahngesellschaften bei ihm, um Mitarbeitende an der analogen Technologie ausbilden zu lassen. Denn eines steht fest: Trotz vieler Digitalisierungsprojekte der Bahn werden analoge Stellwerke noch einige Jahrzehnte in unseren Bahnhöfen weiterwerkeln und für Sicherheit sorgen.

Die Betriebsanlage Wiler von Jonas Hunziker

Radio SRF 1, 7.1.2026, 10–11 Uhr

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