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Schweizer Kernkraft und die Suche nach dem Endlager
Aus Einstein vom 11.03.2021.
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Rückbau AKW Mühleberg Wie entsorgt man ein ganzes Atomkraftwerk?

Seit einem Jahr bauen Experten das AKW Mühleberg zurück. Aktuell werden radioaktiven Teile zersägt – unter Wasser. Ein Rundgang auf der wohl komplexesten Baustelle der Schweiz.

360°-Video aus dem AKW-Reaktor

Betritt man als Besucherin oder Besucher das AKW Mühleberg, muss man zuerst mehrere Sicherheitsschleusen passieren. Um überhaupt in die Nähe des Atomreaktors zu gelangen, wird der persönliche Fingerabdruck mehrfach überprüft. Zudem trägt man ein Dosimeter auf sich, welches Alarm schlägt, falls die Strahlung in einen gefährlichen Bereich kommt.

Tonnenweise Material abmontiert

Einer, der dieses Prozedere tagtäglich durchläuft, ist Stefan Klute. Er ist verantwortlich für den Rückbau von Mühleberg. Eine Herkulesaufgabe. Wie geht er vor? «Das AKW wird buchstäblich zersägt», bringt der Ingenieur die Frage vereinfachend auf den Punkt.

Legende: Stefan Klute leitet die wohl grösste und komplexeste Baustelle der Schweiz: den Rückbau des AKW Mühleberg. SRF

Stück für Stück wird das AKW mit seinen 17'000 Tonnen Material entkernt. «Wir müssen jedes Teil mindestens fünfmal anfassen, dekontaminieren, neu vermessen und dann entsorgen. Deshalb dauert das Ganze so lang», erläutert Klute.

Gemäss Zeitplan dauert es zehn Jahre bis das AKW von allen radioaktiven Stoffen befreit ist. 2034 sollen alle Gebäude verschwunden sein.

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1 Jahr nach der Abschaltung: AKW Mühleberg
Aus Schweiz aktuell vom 15.12.2020.
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Die Kosten für den Rückbau, die Entsorgung und die geologische Tiefenlagerung werden auf drei Milliarden Franken geschätzt.

Höchste Sicherheitsvorkehrungen

Im Reaktorgebäude tragen die Arbeiter gelbe Schutzkleider, die nach dem Verlassen des Gebäudes zurückbleiben. Eine Sicherheitsmassnahme, falls sie mit Radioaktivität in Berührung gekommen wären.

Klute zeigt das Lagerbecken, wo die hochaktiven Brennstäbe unter einer dicken Wasserschicht lagern. «Das Wasser schirmt die gefährliche Strahlung ab», versichert der Ingenieur, der in Deutschland schon einige AKWs verschrottet hat. Die Brennstäbe sind schon letztes Jahr aus dem Reaktor entfernt worden und klingen nun in einem autark gekühlten Becken ab.

Zersägen unter Wasser

Gleich daneben befindet sich der offene Atomreaktor. Auch hier schützt eine Wasserschicht vor der tödlichen Strahlung. Die Wasserstoffatome bremsen die Strahlung. Jeder Meter Wasser reduziert die Strahlung um einen Faktor 1000.

Legende: Noch ist es eine Übung: Das Heben und Zersägen des Dampftrockners findet in einigen Wochen statt. SRF

Dann ertönt plötzlich ein lauter Warnton. Der Hebekran setzt sich in Bewegung und fährt über den Reaktor. «Zurzeit finden Vorbereitungen zum Rückbau der Kerneinbauten statt», erläutert Klute. Der sogenannte Dampftrockner, eine Maschine, durch die der heisse Dampf strömte, bevor er auf die Turbine geleitet wurde, soll unter Wasser zersägt werden. «Wir reden hier von stark radioaktivem Material, deshalb finden die Arbeiten auch unter Wasser statt».

Klute betont , dass alle Arbeiten ferngesteuert seien und unter strengen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden. «Es ist normale Sägetechnik, die für den Unterwassereinsatz adaptiert wurde. Bei den Arbeiten muss jeder Handgriff sitzen.»

Wie sicher ist der Reaktor?

Diese Rückbauarbeiten am offenen Reaktor hat Klute und sein Team jahrelang geplant. «Das Gefährdungspotential ist massiv runter gegangen. Es hat keine Temperatur und keinen Druck mehr in der Anlage», erläutert Klute und versichert, dass der offene Reaktor auch gegen Flugzeugabstürze und Erdbeben sicher sei.

Wieder ertönt der schrille Warnton. Der Hebekran wird in Position gefahren und auf das offene Reaktorgefäss gelassen. Im Kontrollraum überwachen Spezialisten die Bilder der Unterwasserkameras.

In einem Zeitungsinterview bezeichnete Klute seine Arbeit einst als Traum jedes Ingenieurs. «Es ist die Vielfältigkeit. Der Umgang mit einem Gefahrenstoff und die Komplexität, dass alle Rädchen ineinander spielen». Nach zwei Stunden im Reaktorgebäude ist der Rundgang zu Ende. Beim Ausmessen in der Schleuse sagt die Computerstimme: «Keine Kontamination».

Hinweis: Im 360°-Video spricht Tobias Müller von «Verdampfer», richtig wäre an dieser Stelle der Begriff «Dampftrockner».

Sendung: SRF 1, Einstein, 11.03.2021, 21:05 Uhr

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Peter Zuber  (Hä nuuh)
    Typisch schweizerisch übertriebener Perfektionismus.
    Warum muss man das Ding überhaupt zurückbauen?
    Nur um zum zeigen dass das geht?
    Viel zu teuer. Man hätte die Kiste einfach stehen lassen können anstatt 3 Milliarden sinnlos zu verballern.
    Oder muss mir allen Mitteln dafür gesorgt werden das der Atomstrom teurer wird?
    1. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Würde man es stehenlassen, also überirdisch endlagern, dann würde man allen kommenden Generationen die Last der Lückenlosen Bewachung aufbürden, die im Gegensatz zum Endlager nie aufgegeben werden könnte. Diese Überirdische Endlagerung wäre insgesamt nach einigen Generationen die viel teurere Lösung, zudem enthielte sie kontnuierlich ein Restrisiko. Beispielsweise ein Missbrauchsrisiko.
    2. Antwort von Andy Gasser  (agasser)
      Hä? Der gesamte Primärkreislauf des AKW ist hochgradig Radioaktiv. Wollen Sie das Gebäude darum einfach zerfallen lassen? So dass dessen Radioaktivität austritt? Selbst wenn sämtliche Brennstäbe entfernt sind, reicht die Reststrahlung im Primärkreislauf aus, um eine gute Portion der Schweiz radioaktiv zu Verseuchen.
  • Kommentar von ruedi hug  (ruedihug)
    Den radioaktiven Abfall kann man nicht einfach verlochen, man muss ihn zwischenlagern bis wir eine Methode entwickelt haben, dessen Radioaktivität zu eliminieren. Das dauert dann vielleicht 100 bis 200 Jahre, aber nicht hunderttausend Jahre. Ein sicheres Endlager, das 100000 Jahre funktioniert, das gibt es nicht.
    1. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Es wird nie eine Methode geben, die Radioaktivität "zu eliminieren". Bei der Frage, wie lange es dauert, kommt es primär darauf an welche Isotope enthalten sind. Es kommt auf deren Halbwertszeit an. Es gibt nun mal welche die mehrere 100'000 Jahre gefährlich sein werden, somit kommt man um ein Endlager nicht herum. Es ist richtig, dass es auch Abfälle ohne solche langlebigen Isotope gibt, die könnte man im Prinzip separat behandeln. trotzdem braucht es das Endlager
    2. Antwort von Andy Gasser  (agasser)
      Falsch. schwach und mittelradioaktive Abfälle müssen Sie für diese Zeitspanne in ein Endlager verfrachten. Auch bei Flüssigsalzreaktoren fällt dieser Abfall an. Bauschutt, Metalteile etc. von Mühleberg haben das Potential, unsere Umwelt für lange Zeit zu zerstören, werden diese einfach sich selber überlassen. Genau darum ist Atomkraft so Unsinnig.