Hirschfeld und Wälterlin gelten in den kommenden Jahren als «Dreamteam» am Schauspielhaus. Sie verzichten auf offensichtlich politische Stücke. Spielen viele Klassiker, die sie mit aktueller Bedeutung aufladen. Legendär sind der Tell von Schiller oder Götz von Berlichingen von Goethe. In beiden spielt Heinrich Gretler die Hauptrolle. Der populäre Schauspieler wird auf der Bühne fast so etwas wie das Gesicht der geistigen Landesverteidigung.
Im Mai 1940, als die Kriegsgefahr für die Schweiz besonders gross ist, setzen die beiden einen weiteren Akzent auf der Pfauenbühne. Hitler beginnt seinen Westfeldzug, und es gibt Gerüchte, dass auch die Schweiz bald an der Reihe ist. Die Zürcherinnen und Zürcher verlassen ihre Stadt in Scharen. Auch die Emigrantinnen und Emigranten haben ihre Koffer gepackt. Aber sie bleiben – und spielen. Am 18. Mai 1940 kommt es zur Premiere von Goethes Faust II. Ein Lieblingsstück der Nazis – das in Zürich ganz anders interpretiert wird. Es ist ein sehr eindrückliches Beispiel dafür, welche Kraft Theater haben kann.
Aber nicht nur mit Klassikern, sondern auch mit Erstaufführungen von Exilautoren macht das Theater von sich reden. Ein bekanntes Beispiel ist die «Mutter Courage» von Berthold Brecht - ein Antikriegsstück mit der grossen Therese Giehse in der Hauptrolle. Der Zweite Weltkrieg hat eine einmalige Situation geschaffen. Der gemeinsame Feind und die Angst schweissen alle zusammen. Emigranten-Ensemble, Zuschauerinnen und Zuschauer, Theaterleitung, Politik und Presse. Und das ist bis heute die Basis des Schauspielhaus-Mythos.
____________________
In dieser Episode zu hören:
Dagmar Walser, SRF-Theaterredaktorin
____________________
Recherche, Produktion und Moderation:
Vera Deragisch
____________________
Literatur:
Bachmann, Dieter/Schneider, Rolf (Hsg.) (1987): Das verschonte Haus – Das Zürcher Schauspielhaus im Zweiten Weltkrieg. Ammann Verlag.
Neue Schauspiel AG (1978): Vom Variété zum neuen Schauspielhaus – Die Geschichte des Schauspiels in Zürich. Peter Felix.
Schoop, Günther (1957): Das Zürcher Schauspielhaus im Zweiten Weltkrieg. Oprecht.
Buns, Brigitte/deutsches Theatermuseum (Hsg.) (2007): Werft Eure Hoffnung über die Grenzen. Theater im Schweizer Exil und seine Rückkehr. Henschel.
Kröger, Ute /Exinger, Peter (1998): In welchen Zeiten leben wir! Das Schauspielhaus Zürich 1938 -1998. Limmat Verlag.
Amrein, Ursula (2004): Los von Berlin. Die Literatur- und Theaterpolitik der Schweiz und das «Dritte Reich», Chronos Verlag.
____________________
Links:
SRF2 Kontext über die Bühnen-Diskussion 2021: Kann das weg? – Das Theater um den Pfauen - Audio & Podcasts - SRF
DRS-Sendung Passage 2015: Kurt Hirschfeld – der Zauberer im Zürcher Schauspielhaus - Audio & Podcasts - SRF
DRS-Sendung Schauplatz 1988: https://www.srf.ch/play/tv/schauplatz/video/50-theaterjahre-neue-schauspiel-ag--50-jahre-schauspielhaus?urn=urn:srf:video:51b69199-2663-4193-b99e-456454a4bd25
SRF-Kritik Hirschfeld-Film: https://www.srf.ch/kultur/film-serien/neu-im-kino-kurt-hirschfeld-spaeter-applaus-fuer-einen-vergessenen
____________________
Hast du Feedback, Fragen oder Wünsche? Wir freuen uns auf deine Nachricht via geschichte@srf.ch – und wenn du deinen Freund:innen von uns erzählst.