2018 wurde der Entertainer Christian Jott Jenny überraschend Gemeindepräsident von St. Moritz. Nach zwei Legislaturperioden steuert er auf neue Ufer zu.
SRF: Ende 2026 ist nach acht Jahren Schluss als Gemeindepräsident. Sie treten nicht mehr an. 200'000 Franken Jahreslohn, keine Amtszeitbeschränkung – wurde Ihnen der Job zu komfortabel?
Christian Jott Jenny: Perfekt beschrieben, genau so ist es. In der Politik habe ich oft beobachtet, dass Routine zu einer gewissen Bequemlichkeit führt. Man kennt zwar die Materie, verliert aber auch ein wenig die Neugier.
Sie wurden auch schon «Systemirritator» genannt. Irritieren Sie heute nicht mehr?
Jede Irritation wird irgendwann normal, und eine Verwaltung spielt sich schnell auf einen neuen Chef ein.
Wurden Sie gezähmt in Ihrem Amt?
Das wäre übertrieben. Aber ich habe deutlich mehr Vertrauen in den Staat als zu Beginn. Ich bin staatskritisch, durfte aber erfahren, dass die meisten Ämter von Leuten bekleidet werden, die ihre Sache gut machen.
Was dachten bei Ihrer Wahl 2018?
Es stellte mein Leben komplett auf den Kopf. Viele fanden, ich hätte keine Ahnung. Heute kann ich zugeben, dass das stimmte. Aber wenn alle im Vornherein genau wüssten, was ein solches Amt alles mit sich bringt, gäbe es dafür gar keine Interessenten.
Braucht es als Zürcher in St. Moritz einen Schutzpanzer?
Einer meiner Gegner rief mich nach der Wahl an und wir trafen uns auf einen Kaffee. Er fand: «Ab jetzt unterstütze ich dich.» Solche Momente sind in der Lokalpolitik sehr schön. So träge unser System ist, auf Gemeindeebene funktioniert es oft sehr gut.
Sind Sprengkandidaten heilsam?
Hie und da braucht es das. Ob meine acht Jahre etwas brachten, wird man erst später sehen. Wahrscheinlich wurde aber etwas ins Rollen gebracht.
Wieviel Humor erlaubt Politik?
Sehr viel. St. Moritz ist voller Widersprüche. Das hält man nur mit Selbstironie aus. Ein kleiner Ort, der gleichzeitig eine Weltmarke ist.
Die Brandkatastrophe in Crans Montana hat gezeigt, wie schnell eine Gemeinde in den Fokus geraten kann. Was hat das bei Ihnen ausgelöst?
Der ganze Januar stand in St. Moritz im Zeichen der Überprüfung des Brandschutzes. Hotels und Klubbetreiber kam aus eigenem Antrieb zu uns.
Als Gemeindepräsident steht man auch juristisch in der Pflicht. Ist man sich dessen bewusst?
Wahrscheinlich nicht. Aber man kann sich auch eh nie im Voraus gegen alles absichern.
Brachte Ihr Amt auch schlaflose Nächte?
Selbstverständlich. Zwar wenige, aber es gab sie.
Fast die Hälfte der Schweizer Gemeinden hat Mühe, Leute für politische Ämter zu finden. Steuern wir auf ein Problem zu?
Ich denke schon und bin daher ein Fan von Fusionen. Wichtig ist, als Region stark zu sein. Ich kann es aber jedem empfehlen, sich auf solche Ämter einzulassen. Es ist eine Lebensschule, live am Menschen dran.
Wurden Sie in den acht Jahren auch ein wenig zermürbt?
Im Gegenteil. Teils habe ich mich bewusst zurückgezogen, um das zu vermeiden. Und hinter jedem noch so seltsamen Geschäft steht ein Mensch. Es hilft, das mit einem ernsthaften Schmunzeln zu sehen.
War Ihnen nie nach einem Timeout zumute, wie es zum Beispiel Mattea Meyer nimmt?
Ich will nicht über andere urteilen. Mir half es, bei allem Ernst immer zu versuchen, die Leichtigkeit zu bewahren. Es hilft niemandem, wenn man zermürbt wird.
Ende Jahr ist Schluss. Wie gross ist die Erleichterung?
Ich habe vier Kinder und genug Projekte, die mich auf Trab halten. Das gewonnene Wissen an der Schnittstelle zwischen Politik, Kultur und Tourismus möchte ich gern nutzen.
Das Gespräch führte Urs Gredig.