Ein Mann zwischen zwei Welten: Tagsüber im Amtsstuhl, nachts auf der Bühne. Christian Jott Jenny erzählt, wie er vom Tenor zum Unternehmer wurde und warum das Gemeindepräsidium sein längster Job ist.
SRF: Von der Bühne ins Rathaus. Wie kam es dazu?
Christian Jott Jenny: Nach der Matur studierte ich Gesang und Schauspiel in Zürich und in Berlin klassischen Tenor. Doch schnell merkte ich: Der Opernbetrieb war mir zu spezialisiert, zu hierarchisch. Es war wie in einer Verwaltung – eine Art Routine, die mich nicht erfüllte.
1997 gründete ich das «Amt für Ideen»: Als Kulturschaffender hatte ich Jahre damit verbracht, mit Behörden um jeden Franken zu kämpfen. Ich wollte selbst einmal «verfügen» können.
Sie sind 2018 mit einem radikalen Plan angetreten: den Gemeindepräsidenten abschaffen. Was ist daraus geworden?
Mit diesem Plan bin ich tatsächlich gescheitert. Elf bis zwölf Gemeinden für 17'000 Einwohner: eine unlösbare Konstellation. Meine Idee war, diese Struktur durch Fusionen zu verändern. Das hat nicht geklappt. Was ich aber lernen durfte: es braucht einfach viel Geduld. Bei Bauprojekten wie auch in der Politik.
Ich habe gelernt, die Menschen in der Verwaltung zu sehen. Über 95 Prozent geben wirklich ihr Bestes.
Und ich habe gelernt, die Menschen in der Verwaltung zu sehen. Über 95 Prozent geben wirklich ihr Bestes. Das persönliche Gespräch bleibt essentiell – nicht nur Digitalisierung.
Ein grosses Thema für Sie ist das Milizsystem. Warum beschäftigt Sie das so?
Weil Praktiker verschwinden. Menschen, die draussen arbeiten und wissen, wovon sie sprechen. Handwerker etwa, oder Unternehmer. Sie sind kaum mehr in der Politik anzutreffen. Stattdessen sehe ich Berufspolitiker, die direkt nach wenigen Semestern an der Universität nach Bern wechseln und 120'000 Franken verdienen.
Es braucht Menschen, die bereit sind, mehr für die Gesellschaft zu geben als nur sich selbst zu optimieren.
Dabei ist Lokalpolitik das Schönste: Man ist dem Menschen am nächsten, kann Dinge bewegen, sieht unmittelbar die Umsetzung. Vereine, Kultur, Sport – jemand muss das machen. Und dafür braucht es Menschen, die bereit sind, mehr für die Gesellschaft zu geben als nur sich selbst zu optimieren.
Wie hat Sie das Unglück von Crans-Montana bewegt?
Solche Tragödien können überall passieren, auch bei uns. Das ist mir sofort bewusst geworden. Zur Pressekonferenz des Kollegen: Das war ein Desaster. Es fehlte Demut, Intelligenz in der Wortwahl, vor allem aber Empathie. In so einem Moment glaube ich, wäre es heilend, wenn man die Verantwortung übernähme und zurückträte. Es braucht einen Neuanfang.
Das Gemeinwesen funktioniert wie ein Chor: nur wenn alle ihren Teil spielen, entsteht etwas Schönes.
Sie brauchen zum beruflichen Alltag sicherlich auch eine Art Ausgleich. Finden Sie diese in der Musik?
Ja, absolut. Bei den Zürcher Sängerknaben lernte ich schon als Kind: Chorsingen gibt unglaublich viel. Als Solist vermisse ich das intensiv. Aber das Gemeinwesen funktioniert wie ein Chor: nur wenn alle ihren Teil spielen, entsteht etwas Schönes. Nicht alle können oder sollen Solisten sein. Das ist auch meine Philosophie in diesem Amt.
2026 ist Wahljahr. Treten Sie wieder an?
In St. Moritz gibt es keine Amtszeitbeschränkung. Theoretisch könnte ich bis 97 bleiben. Ich glaube, in diesem Amt braucht es vor allem Humor als Führungsinstrument – eine notwendige Waffe gegen die Zermürbung. Manchmal gibt es allerdings Momente, wo auch Humor nichts mehr hilft.
Das Gespräch führte Stefan Büsser.