Lernen durch Schauspiel Auf der Bühne streiten, im Alltag schlichten

Die TheaterFalle bietet seit 30 Jahren die Möglichkeit, am eigenen Leib zu erfahren, wie man im Alltag besser agiert und reagiert. Ihre Methode: Das Forumtheater.

Eine Frau mit einem wütenden Gesicht. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Forumtheater wird nicht nur über Probleme geredet, sondern es werden Lösungen durchgespielt. Photocase/inkje

Das Wichtigste in Kürze:

  • Das Projekt TheaterFalle bietet Weiterbildungen an, in denen man durch theatralische Intervention Konfliktbewältigung üben kann.
  • Im Forumtheater werden Alltagsszenen nachgespielt, damit Teilnehmer eine brenzlige Situation am eigenen Leib erfahren können.
  • Das Forumtheater bietet die Chance, nicht nur über Probleme zu reden, sondern auch Lösungsansätze durchzuspielen.

«Wo ich arbeite, kann es passieren, dass jemand ausrastet, darum wollte ich das üben», sagt Michael Stalder. Er ist Mitarbeiter des regionalen Arbeitsvermittlungszentrums Basel und ist soeben einem Kollegen zu Hilfe geeilt. Nicht im realen Leben, sondern im Theater. Er und 25 weitere RAV-Mitarbeiter sind mitten in einer Präventiv-Schulung mit der TheaterFalle Basel. Das Ziel: spielerisch üben, mit schwierigen Situationen umzugehen.

Vom Theater lernen – wie man das Leben auf die Bühne bringt

5:27 min, aus Kulturplatz vom 12.4.2017

«Profischauspieler zeigen bewusst überspitzte Situationen», erklärt Ruth Widmer, Gründerin der TheaterFalle. «Die Zuschauer können ‹Stopp!› rufen und in die Situation eingreifen.»

Ring frei für den Konflikt

Gleich zu Beginn der Weiterbildung zeigen die Profis eine brenzlige Situation. Drei Arbeitslose treffen gleichzeitig zur Beratung ein. Unter ihnen entbrennt ein Streit: Wer ist zuerst dran? Die Arbeitsvermittlerin sagt: «Das ist doch kindisch. Ich gehe jetzt. Wenn ich wiederkomme, haben Sie sich darauf geeinigt, wer dran ist.»

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Forumtheater in Basel

Das Forumtheater entwickelte der Brasilianer Augusto Boal in den 1950er-Jahren während der Militärdiktatur. Er wollte Opfern eine Plattform geben, zu üben, wie man sich zur Wehr setzen kann. Ruth Widmer hat mit der TheaterFalle Basel Boals Methode in den letzten 30 Jahren weiterentwickelt.

Widmer unterbricht die Szene. Sie agiert als Spielleiterin und eröffnet den Dialog mit den Teilnehmenden. Eine Frau bemängelt nicht nur, was die Vermittlerin sagte und in welchem Ton, sondern auch deren Haltung: «Der Gang ist typisch amtsmässig». «Können Sie uns diesen Gang zeigen? Wie müsste dieser Ihrer Meinung nach aussehen?», fragt Widmer.

Die Frau kommt nach vorne, stellt sich den Profis und steigt in die Situation ein. Das Eis ist gebrochen. Widmer: «Alle, die intervenieren und eine Rolle übernehmen, brauchen Mut. Aber Mut braucht es eben auch im Alltag, wenn es darum geht, aktiv zu werden, um etwas zu verändern.»

Reenactment des Alltags

In einer nächsten Szene eskaliert die Situation. Der Berater hat für die Stellensuchende eine Arbeit gefunden. Er macht sie darauf aufmerksam, dass ihr dieser Zwischenverdienst abgezogen wird. «Das ist doch eine Frechheit», ereifert sie sich. «Das ist Gesetz», entgegnet der Vermittler lächelnd.

Eine Frau schaut sich Aufnahmen auf einem Tablet an. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auf dem Tablet werden die Szenen analysiert. srf

Die Kundin fühlt sich unverstanden, steigert sich zunehmend in ihre Wut hinein, schreit den Berater an und bedrängt ihn. «Stopp!», sagt eine RAV-Mitarbeiterin und will versuchen, dies besser zu machen. Sie und der Berater tauschen den Platz.

Mit intensiven Gefühlen umgehen

Nicht gerechnet hat sie allerdings mit den starken Emotionen der Schauspielerin. Die Szene läuft erneut völlig aus dem Ruder. «Aus Distanz sieht alles anders aus, wenn man aber drinsteckt, hat man das Gefühl, die Situation nicht mehr im Griff zu haben und zu versagen», sagt Widmer. «Aber man kann nicht alles im Griff haben. Auch darum geht es: einen Umgang mit diesen Gefühlen zu finden.»

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Lernen durch Schauspiel

Nächste Szene. Die Teilnehmenden bekommen Kopfhörer. Die einen rote, die anderen grüne. Eine Gruppe bekommt die Anweisung auf jemanden der anderen Gruppe zuzugehen, der Person die Hand zu reichen, aber sie nicht anzuschauen. Der Gegenseite wird gesagt: Gehen Sie auf die Person zu, lächeln Sie sie an, aber geben Sie auf keinen Fall die Hand. Fazit: totale Verwirrung.

Die einen haben das Gefühl: Die Person mag mich nicht. Die anderen denken: Idiot. Kalt lässt die unerwartete Situation keinen. Jeder urteilt über den anderen innerhalb einer Sekunde.

Lernen im Forumtheater

«Forumtheater bietet die Chance, nicht nur über Probleme zu reden, sondern etwas am eigenen Leib zu erfahren und Lösungsansätze durchzuspielen», erklärt Widmer.

Auf der Theaterbühne: Ein Mann zeigt auf eine Frau. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Intervenieren im Theater: Eine mögliche Alltagsszene wird nachgestellt. srf

«Wir haben in den vergangenen 30 Jahren Stücke zu den unterschiedlichsten Themen angeboten. Auch eines zum Thema Sterbehilfe im Auftrag der Caritas. Zu uns kamen Leute, die üben wollten, wie es ist, den Angehörigen mitzuteilen, dass sie aus dem Leben scheiden wollen. Oder wir haben Stücke zur Gewaltprävention entwickelt. Hier lernten auch junge Männer, dass sie definitiv kein Weichei sind, wenn sie nicht zuschlagen.»

Sendung: SRF 1, Kulturplatz, 12.04.2017, 22:25 Uhr

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 12.04.2017 22:25

    Kulturplatz
    Kunst und Krisen – und was wir daraus lernen können

    12.04.2017 22:25

    Schon Platon soll gesagt haben: «Es ist keine Schande, nichts zu wissen, wohl aber, nichts lernen zu wollen». Nur wer lernt, kann Herausforderungen meistern. Krisen zum Beispiel – deshalb wohl wollen die Macher der documenta «von Athen lernen», wie das Motto der Kunstleistungsschau lautet.