Theater gegen Trump Das Theater in New York hat sich verändert – wegen Trump

Aus der experimentellen wurde eine nachdenkliche New Yorker Theaterszene. Die Wahl von Trump verunsichert und belebt das amerikanische freie Theater und seine Festivals.

Auf einer Theaterbühne steht ein Mann in aggressiver Haltung und schaut zwei Frauen an. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Theater als Medizin gegen die politische Unsicherheit: Eine Szene aus «Time of Women» von Nicolai Khalezin. Georgie Weedon

  • Die experimentelle New Yorker Theaterszene entwickelt nach der Trump-Wahl eine neue politische Kraft.
  • Theaterprojekte, die vor der Wahl entstanden sind, erlangen durch die aktuelle politische Lage eine neue Bedeutung.
  • An den Festivals wird nicht mehr nur über Kunst, sondern auch über politische Protestmöglichkeiten debattiert.

Ein Schock auf der Bühne

Der Januar ist der Höhepunkt der New Yorker Downtown-Theaterszene. Gleich mehrere Festivals buhlen um das Publikum. Programmmacher und Theaterschaffende aus dem In- und Ausland sind in der Stadt. Hektisch, überdreht, ja manchmal geradezu hysterisch ist die Stimmung normalerweise.

Dieses Jahr ist alles anders. Der Schock über die Wahl von Donald Trump zum neuen Präsidenten scheint der gesamten Szene noch in den Knochen zu stecken. Keiner, mit dem ich spreche, hielt seine Wahl für möglich. Auf den vielen Bühnen von Downtown Manhatten führt das zu einer ungewohnten Ernsthaftigkeit.

Die Bühne, ein politischer Ort

Alle Vorstellungen sind ausverkauft, das Theater als Versammlungsort bekommt hier seine ursprünglich Bedeutung zurück. «Alles ist politisch geworden seit der Wahl von Trump», sagt Schauspieler Paul Lazar. «Allein dass Leute in einem Theater zusammenkommen, hat eine politische Kraft.»

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Beiträge zum Thema

Auch wenn die Festivalprogramme bereits vor der Präsidentschaftswahl gedruckt wurden, sprechen einige Stücke Themen an, die durch die Wahl eine neue Bedeutung erlangen.

Schöpferische Kraft in einer fragilen Situation

Sie sprechen unmittelbar zum Publikum: über eine verunsicherte Gesellschaft, über die Angst vor einem historischen Backlash und von der Überzeugung, dass kulturelle Diversität und Inklusion wichtig sind.

Immigrationsgeschichten, neue Erzählformen, partizipative Formate: Das Theater als ein Medium des «Hier und Jetzt» scheint in dieser fragilen historischen Situation seine ureigene Kraft zu entwickeln.

Fünf Leute heben im Kreis die Hände und bilden ein Menschenzelt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Partizipation und neue Erzählformen: Die Gruppe «600 Highwaymen» zeigte ihr neues Stück «The Fever». Maddie McGarvey

Aktivismus oder Kunst?

«Es steht ein langer Kampf an, in dem es um nichts weniger geht als das Herz der amerikanischen Kultur», gibt sich Mark Russell kämpferisch. Er ist Direktor des Festivals «Under the Radar».

Auch ihm ist der Stimmungswandel dieses Jahr aufgefallen: «Ich hätte das Telefonbuch vorlesen können, die Leute wären gekommen. Es gibt dieses grundlegende Bedürfnis, zusammenzukommen. Die Leute wollen gemeinsame Erfahrungen machen. Der Theaterraum entfaltet dabei geradezu eine heilende Kraft.»

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Veranstaltungshinweis

Das «Under the Radar»-Festival am Public Theater und das «American Realness»-Festival sind bereits feste Bestandteile der New Yorker Theaterszene. Beide Veranstaltungen finden jeweils im Januar statt.

Theater oder Demo? Beides!

Tina Satter zeigt ihr Stück «Ghost rings» am «American Realness»-Festival. Die junge Autorin und Performerin fasst den Unterschied zu früheren Jahren in eine Anekdote: «Normalerweise sind schon ab Oktober alle hektisch damit beschäftigt, sich Tickets für die bevorstehenden Theatervorstellungen zu besorgen. Dieses Jahr war das Hauptgesprächsthema, wer an welcher Demonstration teilnimmt.»

Auf nach Washington!

Optimisten sehen mit der neuen politischen Situation eine stärkere Rolle der Kultur kommen. Andere hadern noch damit, wie ihr Alltag als Künstlerinnen und Bürgerinnen in Zukunft aussehen wird.

Fest steht, dass die meisten dieses Jahr nach dem Festivalmarathon nicht in ein dunkles Theaterloch fallen, sondern sich mit Kind und Kegel nach Washington DC aufmachen werden. Dort findet am Samstag, ein Tag nach der Amtsvereidigung von Donald Trump zum Präsidenten der USA, der «Women’s March on Washington» statt.

Eroberung der Strassen

Es werden rund 200‘000 Menschen erwartet. Weltweit sind zusätzliche Demonstrationen geplant. Ob Strasse oder Bühne – der öffentliche Raum gewinnt für die amerikanische Kultur eine neue Bedeutung.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 19.1.2016, 9.00 Uhr

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