Der Aufstieg eines Narzissten begeistert gleich doppelt

Mit seinem neuen Theaterstück hat Dennis Kelly wieder mal seinen Dramatiker-Finger in eine gesellschaftliche Wunde gelegt. «Die Opferung des Gorge Mastromas» wird aktuell in Bern und in Winterthur aufgeführt – und stellt die Theaterschaffenden beiderorts vor grosse Herausforderungen.

Schauspielerin Milva Stark umarmt ihren Bühnenpartner. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Bereue nichts, niemals, nie»: Andri Schenardi als Gorge Mastromas mit Milva Stark. Philipp Zinniker

Es ist die Geschichte von einem Mann, der gut geboren wird und sich dann zu einem gnadenlosen Narzisst entwickelt, für den nur noch das eigene Weiterkommen zählt. Eine umgekehrte «vom Saulus zum Paulus»-Geschichte.

Staunender Mann. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Stefan Lahr als Gorge Mastromas in der Inszenierung Theater Kanton Zürich in Winterthur. Tanja Dorendorf/ T+T Fotografie

Dabei erfährt man am Anfang erstaunlich viele Details aus der vorkindlichen Phase des Protagonisten. Dennis Kelly beschreibt die Zeugung von Gorge Mastromas wie folgt: «Es war eine warme, sanfte Nacht, nicht zu heiss, eine leichte Brise wehte durchs offene Sommerfenster. Früher am Tag hatte es geregnet, aber jetzt war die Luft klar und die Nacht von einer Sanftheit wie… Eine Pause. Der Liebesakt war nicht besonders genussreich, aber auch nicht besonders unerfreulich...». So kam Gorge Mastromas «ins Dasein».

Vom Verlierer zum Egoisten

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Theater-Kritikerrunde

Am 11.März um 10 Uhr diskutiert die Theater-Kritikerrunde in der Sendung «Reflexe» auf Radio SRF 2 Kultur die beiden Inszenierungen von «Die Opferung des Gorge Mastromas».

In den ersten zwei Jahrzehnten hält sich Mastromas an eine ihm scheinbar angeborene Moral: Er ist loyal zu seinem Freund Paul, auch wenn dieser von den anderen geächtet wird. Er bleibt seiner Freundin treu, auch wenn er seine langjährige Flamme endlich küssen könnte.

Mit Mitte 20 ändert Mastromas seine Haltung zum Leben: Er wird Zeuge der gnadenlosen Strategie einer Managerin, die das Unternehmen seines Bosses übernimmt. Und entscheidet sich für den Weg des egoistischen Erfolgs: Von jetzt an betrügt er, lügt er – und geht dabei über Leichen.

Formale Brüche eröffnen unterschiedliche Perspektiven

Dennis Kelly ist ein geschickter Geschichtenerzähler. Einerseits folgt er dem Leben des Gorge Mastromas von der Zeugung bis zum alten Mann chronologisch. Andererseits verändert er beim Erzählen immer wieder die Perspektive. Es gibt Erzählpassagen, in denen die Schauspieler zusammen berichten, was Mastromas erlebt hat.

Eine Frau und zwei Männer auf der Bühne, Rauch und lila Licht, einer der Männer reitet auf einem Transistor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Lichtwechsel genügt: Der Blick auf Mastromas ist ein anderer. Mit Milva Stark, Nico Link und Andri Schenardi (Bern). Philipp Zinniker

Diese Szenen werden durchbrochen von Spielszenen, in denen sie ganz klassisch in Rollen schlüpfen und konkrete Situationen spielen: Die Übernahme der Firma, wie Mastromas die Liebe seines Lebens nach Strich und Faden betrügt, wie er von seinem Bruder heimgesucht wird, der ihn auffliegen lassen will.

Nicht ganz zufällig stehen am Rand der Bühnen in Bern und auch Winterthur Kleiderständer. Die Rollenwechsel finden nicht hinter der Bühne statt, sondern gehören zur Erzählung. Ein Fingerschnippsen oder ein Lichtwechsel genügt: Der Blick auf Mastromas ist ein anderer.

Spiellust und Haltungsfragen

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Vorstellungen

Konzert Theater Bern: 26. Februar, 12. März, 9. April, 30. April, 24. Mai

Theater Kanton Zürich: 28. Februar in Winterthur, 3. April im Kurtheater, Baden und 7. und 8. Mai im Theater Rigiblick, Zürich

Die beiden Inszenierungen am Konzert Theater Bern (Regie: Markus Kubesch) und dem Theater Kanton Zürich (Regie: Rüdiger Burbach) geben zwei unterschiedliche Interpretationen des Stoffes. In Winterthur fokussiert man darauf, Kellys gut erzählte Geschichte auf die Bühne zu bringen und dabei die Analogie zur heutigen kapitalistischen Orientierung herauszuarbeiten. Fast wie ein Lehrstück kommt die Inszenierung daher. In Bern dagegen dient das Stück als Spielvorlage, um die Geschichte möglichst wirkungsvoll umzusetzen und dabei das Theaterspiel selbst in Szene zu setzen

Dabei wird in beiden Inszenierungen klar, wie raffiniert das Stück gebaut ist, und dass es sich lohnt, Dennis Kelly zu trauen: Viel szenischer Aufwand oder gesuchte Aktualisierung sind unnötig, alles steht schon im Text.

Tod oder Hoffnung?

Die unterschiedliche Herangehensweise der beiden Inszenierungen zeigt sich denn auch explizit am Ende des Stückes: In Winterthur hält Gorges Enkel, von dessen Mutter und damit seiner Tochter Mastromas nicht einmal wusste, dem alten Mann sein Elend schonungslos vor – und gibt ihm selbst den Strick, mit dem er sich umbringen kann.

Die letzte Szene in Bern gibt etwas mehr Hoffnung: Der alte Mastromas hält inne, und impliziert so einen möglichen Haltungswechsel. Zumindest im Spiel.

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