«Die Klasse» – chaotischer Unterricht im Theater Basel

Der französische Film «Entre les murs» gewann 2008 in Cannes die Goldene Palme. Nun wurde er fürs Theater adaptiert: Im Theater Basel stehen nebst einem Profi in der Rolle der Lehrerin 16 Schüler auf der Bühne – eine Herausforderung für alle Beteiligten.

Als der Film «Entre les murs» ins Kino kam, war für den Leiter des Jungen Theater Basel Uwe Heinrich klar: Dieser Stoff lässt sich dramatisieren. Der Film basiert auf einem Roman von François Bégaudeau, in dem er seine 10-jährige Erfahrung als Lehrer verarbeitete. Heinrich schrieb das Textbuch fürs Theater und ging auf die Suche nach Darstellerinnen und Darstellern.

Theater mit einer echten Schulklasse

Sebastian Nübling und Uwe Heinrich im Interview

3:57 min, vom 20.12.2013

Im Schulhaus Letzi, einem Zentrum für Brückenangebote, wo Jugendliche ein 10. Schuljahr absolvieren können, stiess Heinrich auf offene Ohren. Die Verantwortlichen erkannten im Theaterprojekt eine Chance für Persönlichkeitsentwicklung, die es zu nutzen galt. Alle angehenden Schülerinnen und Schüler wurden angefragt, ob sie Interesse hätten, Theater zu spielen. Diejenigen, die sich meldeten, bilden seit dem Sommer 2013 eine eigene Klasse.

Mit den 15 Schülerinnen und dem einen Schüler erarbeitete der Theaterpädagoge in Windeseile eine Spielbasis. Er legte insbesondere Wert auf Körperbewusstsein. «Für Jugendliche, die langsam erwachsen werden und eine gewisse Körperlichkeit ablegen, ist die Schauspielerei eine riesige Herausforderung», sagt Heinrich.

Bühne statt Schule

«Die Klasse» – ein Ausschnitt

1:38 min, vom 19.12.2013

Ab Mitte Oktober besuchten die Schüler lediglich zwei Unterrichtslektionen pro Tag. Danach ging's ins Theater. In der heissen Phase vor der Premiere war der Schulunterricht sogar ganz gestrichen.

Doch Unterricht fand eben auch auf der Bühne statt: Eine verzwickte Situation. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion, zwischen Schule und Theater verwischten. Das wirkte sich insbesondere auf die Proben aus.

Regisseur Sebastian Nübling: «Klar, ich bin schnell in die Position des Lehrers gerutscht.» Phasen der Unlust, Unkonzentriertheit und des Widerstands seien vorprogrammiert gewesen.

Der tägliche Kampf

Doch die Hürde ist genommen, das Stück kommt auf die Bühne des Theater Basel. Dabei blickt das Publikum hinter die Mauern eines Klassenzimmers. Wohnt dem täglichen Kampf zwischen Lehrer und Schülern bei.

Obwohl: Mit Realität hat die Bühnenadaption nicht allzu viel gemein. Die Figur der Lehrperson ist stark überzeichnet. Zudem werden die Spielszenen immer wieder von musikalischen und choreographischen Elemente unterbrochen – Nüblings Markenzeichen. In Basel hofft man nun, dass die Inszenierung eine fundierte Auseinandersetzung mit dem heiss diskutierten Thema Schule anstösst.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Die Bühne als Lebensschule für eine Basler Klasse

    Aus Kulturplatz vom 15.1.2014

    Im Theater Basel spielt eine echte Schulklasse Unterricht. Der Film «Entre les murs» von Laurent Cantet, der 2008 in Cannes die Goldene Palme gewann, liefert die Vorlage zum Bühnenstück. Monatelang hat eine Klasse aus dem Schulhaus Letzi anstelle des regulären Unterrichts geprobt. Zwar stiess Regisseur Sebastian Nübling oft auf Widerstand, Desinteresse und Konzentrationsmangel, auf dieselben Probleme, die Schullehrer zur Genüge kennen. Doch jetzt, nach der Premiere, wird klar: Im Theaterprojekt hat die Klasse einen Gemeinschaftssinn entwickelt, den sie in der Schule kaum je vermittelt bekommt.

    Nicole Salathé