Ein getanztes Schreckensbild nach Francis Bacon

Tim Behren und Florian Patschovsky, Gewinner des Berner Tanzpreises 2015, haben eben mit dem Ensemble des Konzerttheaters Bern Premiere von «Francis Bacon» gefeiert. Ihr Stück bringt das verstörende Leben und Werk des Malers auf die Bühne. Eine intensive Arbeit, die eigenwillige Bilder schafft.

Die Choreographen, Tänzer und Akrobaten Tim Behren und Florian Patschovsky wurden bereits in jungen Jahren mit dem Zirkus-Virus infiziert. Beide fanden im Grundschulalter den Weg in die Manege. Tim in Tübingen. Florian in Heidelberg. Artistik und Akrobatik hatten es ihnen – unabhängig voneinander – angetan.

Nach der Schule war die grosse Frage: Studium oder Salto? Die beiden Talente entschieden sich für letzteres und bewarben sich an verschiedenen europäischen Schulen. «Ich habe sogar meinen Zivildienst in einem Kinder- und Jugendzirkus absolviert, danach waren alle Zweifel ausgeräumt, wie ich mein Leben leben möchte», sagt Florian Patschovsky.

«Overhead Project» auf der Bühne. Zwei Männer stehen sich gegenüber. Sie beugen ihren Rücken nach hinten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Als Tanzduo unzertrennlich: Tim Behren und Florian Patschovsky in «Carnival of the Body». Ingo Solms

Leben für den zeitgenössischen Zirkus

An der Brüsseler Ecole Supérieure des Arts du Cirque lernen sich Behren und Patschovsky 2007 schliesslich kennen und werden als Partnerakrobaten ausgebildet. «Eine Art Ehe», wie die zwei lachend ergänzen. Und diese hält.

Seit 2009 sind die beiden Wahl-Kölner als Duo «Overhead Project» unterwegs. Kopfüber sieht man sie in ihren Stücken denn auch häufig. Doch mit Zirkus im traditionellen Sinne haben Behren und Patschovsky nichts mehr am Hut. Eine neue Ästhetik und die Kunstsparte Tanz haben gelockt. Sein Schaffen bezeichnet das Team als «zeitgenössischen Zirkus»; es bewegt sich an der Grenze zwischen Zirkus, Tanz und Performance. Das Ziel: eine völlig eigene Bewegungssprache entwickeln. «Uns interessiert der Mensch hinter dem Akrobaten», so Behren.

Im Duo mit einem Ensemble

Behren und Patschovsky arbeiten an ihrer Vision mit Verve. Der Erfolg gibt ihnen Recht. Mit ihrem Duett aus dem Stück «(How To Be) Almost There» gewinnen sie mehrere Preise. Unter anderem 2015 den Berner Tanzpreis, der es ihnen ermöglicht, mit dem Ensemble des Konzerttheaters Bern das abendfüllende Stück «Francis Bacon» zu kreieren.

Es ist erst ihre zweite Arbeit mit einer Company. Keine leichte Aufgabe, denn was sich im eingespielten Duett mit einem Blick oder einer Geste kommunizieren lässt, überträgt sich nicht automatisch auf eine ganze Gruppe. Zudem lebt «Francis Bacon» von Gewalt, Schmerz und Leid. «Zum einen ist das Ensemble sehr homogen. Es davon zu überzeugen, wie es ‹unser› Bild der Gewalt darstellen soll, war richtig Arbeit. Hinzu kam: Eine Präsenz in der Gewalt zu kreieren, ohne sich gegenseitig zerfleischen zu müssen, das will gelernt sein», erzählt Florian Patschovsky. Zugute kam den beiden die Erfahrung mit ihrem Stück «Carnival of the body», das Wrestling als martialische Körperinszenierung thematisiert.

Overhead Project: «Carnival of the body» (© tanzweb.org)

7:32 min, vom 29.4.2016

Verstörend und eigenwillig

In «Francis Bacon» hat das Choreographen-Duo nun eigene, eigenwillige Bilder geschaffen, die teilweise bis ins Innerste dringen und verstören. Fast wie Bacons Werk. Behren und Patschovsky arbeiten bereits an ihren nächsten Projekten. Sind als Akrobaten, Tänzer, Choreographen und Regisseure unterwegs. Das Duo ist gefragt. «Overhead Project» kann erhobenen Hauptes in die Zukunft blicken.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Transformation - Francis Bacons Malerei als Tanzperformance

    Aus Kulturplatz vom 4.5.2016

    Seine expressiven Darstellungen deformierter Gesichter, schreiender Münder und gequälter Körper verstören und faszinieren zugleich. So auch sein Leben: Der irisch-englische homosexuelle Maler Francis Bacon, 1992 an einem Herzinfarkt gestorben, war bekannt für Ausschweifungen und Exzesse. Nun will das deutsche Choreografenduo Tim Behren und Florian Patschovsky diese selbstzerstörerische Dynamik in Bacons Leben und Werk am Konzert Theater Bern in eine Tanzperformance überführen, die malerische Ausdruckskraft in physische Körpersprache transformiert.

    Nicole Salathé