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Legende: Video Zwischennutzung des Radiostudios Bruderholz abspielen. Laufzeit 02:44 Minuten.
Aus Tagesschau vom 30.05.2019.
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Ende einer Ära Requiem für ein Radiostudio

Nach fast 80 Jahren Radio Studio auf dem Bruderholz sind die Tage des Gebäudes gezählt: Zum Jahresende wird es abgerissen. Aber davor verwandelt es der Regisseur Thom Luz in eine begehbare Klangskulptur.

Reto Ott hatte eine Idee: Er, der SRF-Hörspielregisseur, fragte den Theatermann Thom Luz, ob er sich vorstellen könnte, etwas mit einem leergeräumten Radiostudio zu machen. Luz ist schon früher Welten nachgestiegen, die es bald nicht mehr geben würde. «Ein leeres Radiostudio, was für eine Chance! Das ist wie nachts im Museum» war seine spontane Reaktion.

«Hier ist eine vergangene Zeit spürbar»

Dann beginnt er mit den Recherchen, hört sich durch hunderte Stunden von Musik- und Hörspielproduktionen. Er besucht das Haus, hört Leuten zu, die noch hier arbeiten und trifft auch die, die hier gearbeitet haben. Er notiert Sätze wie «Und das schönste Hörspiel ist jenes, das nie fertig wird».

Er geht durch die leeren Räume und stellt fest: «Hier ist eine vergangene Zeit spürbar. In den Wänden hängt Radiogeschichte von vielen Jahrzehnten. Von diesem Klang bin ich fasziniert.»

Radiomachen gibt für das Auge nicht wirklich viel her. Genau das kommt Luz gerade recht. Wie schon in früheren Musiktheater-Produktionen will er lieber fürs Ohr inszenieren und den Klang erzählen lassen: «Mir gefällt das, denn der Klang ist da, wo die Seele ist.»

«Sculpture musicale» nennt Luz das, was in den vergangenen drei Wochen im leeren Radiostudio entstanden ist. Überall stehen alte und uralte Bandmaschinen herum. Die Spulen drehen, sanft rinnt das Band zu Boden und türmt sich zu Bergen auf. Klänge aus 80 Jahren Radioproduktion werden so sichtbar, greifbar.

Vergangenheit und Heute verschmelzen

Vergangenheit auch in den Regie-Räumen, wo einst mit Hingabe und Aufwand Sendungen produziert wurden. Von dort aus geben Monitore Einblick in die Räume unterer Etagen, in Abstellkammern, Archive, Phonothek.

Tonband auf Leiter
Legende: Alte Bandmaschinen spulen Tonbänder aus 80 Jahren ab und machen Töne sichtbar. SRF / Gabriela Kaegi

Wen wundert's, dass beim Auszug vor zwei Wochen dort unten schon mal ein Stuhl vergessen ging, eine Lampe, ein Papierkorb und – auch ein paar Menschen. Die sitzen jetzt da und spielen. Auf einem ebenfalls vergessen gegangenen Klavier. Oder auf einem Cello.

Weiter geht der Spaziergang durchs leere Haus, hinunter ins Herz des Gebäudes: in die Räume des Hörspiels. Hier untertags reiht sich Raum an Raum, hier wurden hunderte von Hörspielstunden produziert.

Eine Hommage ans sorgfältige Arbeiten

Generationen berühmter Schauspieler und Schauspielerinnen waren da, und jedes Geräusch wurde mit Liebe und Sorgfalt nachgemacht – auf dass es so echt als möglich klinge. Dafür erfanden Bastler knarrende Türen.

Vorstellungshinweis

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen
Frau in rosa Kleid in einem Tonstudio
Legende:Kurz vor der Stille.zVg Theater Basel / Sandra Then

«Radio Requiem», Link öffnet in einem neuen Fenster ist eine begehbare Rauminszenierung von Thom Luz (Uraufführung), entstanden in Kooperation des Theater Basel mit SRF Schweizer Radio und Fernsehen.

Ein Schreiner zimmerte gar einen Schrank, an dem jede Art von Türenschliessen nachgemacht werden konnte. Die «vergessenen Menschen» erzählen von ihrer Arbeit: «30 Jahre bin ich hier, die Zeit verging wie im Flug». Danach wird ein Regler hochgezogen: das Pausenzeichen erklingt. «Alles ist gut, was gut anfängt und dann nie aufhört» sagt Luz.

Diesen letzten Ohrenmenschen, «die in einer Kammer allein vor einem Mikrofon sitzen und etwas hinaussenden, von dem sie nicht wissen, ob es jemand hört oder überhaupt jemanden interessiert» will Thom Luz mit seiner begehbaren Rauminszenierung ein Denkmal setzen.

Und dem Gebäude, das einzig und allein dafür gebaut wurde, damit man Philosophie, Kultur und Poesie herstellt und archiviert. «Wir feiern keine Abrissparty, es ist eine Hommage ans sorgfältige Arbeiten».

Ein bisschen ist es wie mit dem Bambus. Erst blüht er, dann stirbt er.

Requiem aeternam dona eis, Domine.

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