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Bühne «Eugen Onegin»: Ein Lebemann im Hamsterrad

«Eugen Onegin» gilt als eine der besten Kompositionen Peter Tschaikowskis. Am Theater Basel inszenierte Corinna von Rad die Geschichte einer verpassten Liebe anspielungsreich, wenn auch nicht vollends überzeugend. Zurückhaltend getragen wurde der Abend von der bittersüssen Musik.

Ein Mann steht vor einigen Frauen, raucht, hält die Hände an den Kopf und hat die Augen geschlossen.
Legende: Onegin (Eung Kwang Lee) wandelt sich vom Zyniker zu einem Mann mit echten Gefühlen. Priska Ketterer

Es gibt viele Vorurteile gegenüber der Musik von Peter Tschaikowski. Sie sei von schwülstigem Pathos getränkt, bombastisch laut, effekthascherisch. Einige dieser Vorurteile sind auch berechtigt. Nichts davon trifft jedoch auf seinen «Eugen Onegin» zu.

Grundton der Sehnsucht

Eine junge Asiatin steht vor einem Mini-Kettenkarussell mit einem Sessel, auf welchem ein Mann sitzt.
Legende: Tief verletzt: Tatjana (Sunyoung Seo). Priska Ketterer

Diese «lyrischen Szenen», wie Tschaikowski seine Oper nach Alexander Puschkin nannte, sind absolut stimmige beste Musik. Durchkomponiert in drei Akten mit einprägsam schönen Arien, einer musikalischen Leitmotivtechnik, die die drei Stunden verklammert und ihnen einen Grundton der Sehnsucht gibt.

Einer Sehnsucht – das hat Regisseurin Corinna von Rad am Theater Basel schön herausgearbeitet – die stets aus der Gegenwart in die Zukunft weist. Oder die zurückblickt in die Vergangenheit. Liebe aber kann nur im Jetzt stattfinden.

Dieses Jetzt, das Verpflichtende dabei, ist das Problem der Titelfigur. Eugen Onegin hat schon zu viele Amouren gehabt, um die ernsthafte Liebe Tatjanas erwidern zu können. Auf ihren Brief antwortet er höhnisch. Sie ist tief verletzt und heiratet einen anderen. 16 Jahre später begegnen sich die beiden erneut. Onegin hat seine Arroganz verloren, doch Tatjana wird ihre Ehe mit einem Fürsten nicht aufs Spiel setzen. Auch wenn sie Onegin noch immer liebt.

Leere und Verlassenheit auf der Bühne

Ein Mann und eine Frau stehen vor einem umstürzenden Tisch auf weisser Bühne.
Legende: In der Ödnis: Eugen Onegin (Eung Kwang Lee). Priska Ketterer

Es werden Berge von Madeleines gegessen in Corinna von Rads Inszenierung. Kirschen werden eingelegt, Tiere sind ausgestopft in dieser naturfernen Kunstwelt. Solche Anspielungen auf Proust und die Suche nach einer verlorenen Gegenwart stimmen mit der leer wirkenden Bühne (Ralf Käselau) überein.

Eine verlassene Bartheke rechts. Birken hinter Glasscheiben links. Eine Ziffernanzeige für Kirchenlieder. Dieser Raum – öder Club, leeres Gotteshaus, Zelt – ist nicht von Wänden umgeben, sondern von Vorhängen wie für ein Provisorium. Eine Gesellschaft darin, die auf nichts gründet, sondern sich an Bällen alkoholisiert.

Das Schwebende, Bodenlose wird durch wenige Konkretionen noch verstärkt. Durch den Chor der Bäuerinnen, die fröhlich an den eingelegten Kirschen naschen. Durch eine Putzmann, der immer dann den Boden wischt, wenn Onegin mal wieder erfolglos versucht, mit sich ins Reine zu kommen.

Der Inszenierung mangelt es an Personenführung

Das sind sinnige Bilder. Auch dieses: Regisseurin von Rad schickt die Titelfigur in eine Zeitschlaufe. Wir erblicken Onegin zu Beginn der Oper in der gleichen Szene, die er im zweiten Akt noch einmal durchlebt. Ein Leben wie im Hamsterrad. So weit so gut.

Neben solch wirksamen Inszenierungsideen hätte der Produktion eine stärkere Personenführung indes gut getan. Warum wandelt sich Onegin vom Dandy in einen zu echten Gefühlen fähigen Mann? Unter welche Betonschichten hat Tatjana ihre unerfüllte Liebe verbunkert? Das zeigt uns der Abend im Theater Basel nicht.

Schwärmerische Töne einer jungen Koreanerin

Man kann es aber hören. Zumindest teilweise. In ihrer zweiten grossen Rolle diese Saison ist die junge Koreanerin Sunyoung Seo zu erleben. Ein offen sich verströmender Sopran, hell gefärbt und mit ausgezeichneter Legatokultur. Schwärmerische Herzenstöne, wie sie Sunyoung Seo auch als Elsa in Wagners «Lohengrin» verströmt, stehen ihrer Tatjana sehr gut und machten aus der berühmten Briefszene im ersten Akt einen Höhepunkt des Abends. Eine Gebrochenheit aber, eine Trauer, mit fürstlicher Noblesse überspielt, kennt diese Tatjana noch nicht.

Titelfigur mit glanzloser Stimme

Musikalische Leitung und Regie hätten auch in der Gestaltung der Titelfigur enger zusammenarbeiten können. Den Onegin gab Eung Kwang Lee mit oft gedeckter Stimme, glanzlos, nasal, was zur Rolle überhaupt nicht passen will. Auch nimmt man dieser abgelöschten Gestalt den Lebemann und Zyniker kaum ab.

Überraschend hingegen Andrej Dunaev als Lenskij. In der unbeschwerten Liebesszene mit Tatjanas Schwester Olga entwickelt er im ersten Akt operettenhaften Glanz. Später, während eines Balles von Onegin beleidigt, beschwert Zorn seinen hellen Tenor.

Dunkler Schmerz sogar spricht sodann aus seiner grossen Arie im zweiten Akt: Vor einem Duell mit Onegin sinniert Lenskij über die Vergänglichkeit nach und tut dies mit einer scheinbar selbst um Jahre gealterten Stimme. Grossartig.

Tschaikowski in fast kühler Diskretion

Das Sinfonieorchester Basel wurde wegen einer Erkrankung Giuliano Bettas von dem aufstrebenden Dirigenten Erik Nielsen geleitet. Nielsen lässt den Orchesterklang selten wirklich aufblühen, sondern färbte den ohnehin lyrischen Grundton Tschaikowskis mit bisweilen ans Kühle grenzender Diskretion.

Nach dem Motto «weniger ist mehr» wurde so eher das Bühnengeschehen sekundiert, als dass sich die Musik ins Ohr bohren wollte. Denn das könnte sie auch in lyrischer Verinnerlichung. Aber vielleicht war das zurückhaltende Spiel Konzept. Sollte die Musik wie hinter Glas erklingen. Wie eingelegte Kirschen, von einer lang zurückliegenden Juniwärme erzählend und auf einen Genuss verweisend, der noch kommt. Irgendwann einmal. Und der gerade darum bitter süss ist.

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