Eva-Maria Hagen lebt ihr Leben, seit 80 Jahren

Sie ist die Mutter der Sängerin Nina Hagen und ehemalige Lebensgefährtin des Liedermachers und Dissidenten Wolf Biermann. Aber sie ist noch viel mehr als das: Eva-Maria Hagen ist Schauspielerin, Sängerin, Malerin und Autorin und lebt ein höchst lebendiges Leben. Schon 80 Jahre lang.

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Bildlegende: Mit 80 sind für Eva-Maria Hagen die schlimmen Zeiten vorbei. Imago

Um dieses Leben wenigstens zur Hälfte kennenzulernen, kann man sich mit einem Lied aushelfen. «Ich leb' mein Leben, sagt Eva-Marie» heisst es. Wolf Biermann hat es geschrieben, hat die Zeit zwischen Eva-Maria Hagens Geburt in Hinterpommern und ihrer Ankunft im Westen in sechs Strophen verpackt und es im Untertitel «Ballade vom wiederholten Abtreiben» genannt. Zu recht: Denn die Abtreibung zieht sich wie ein Leitmotiv durch dieses Leben.

Ganz am Anfang schon, als sie im Bauch ihrer Mutter sitzt und sich gegen Abtreibungsversuche zur Wehr setzen muss. Und viel später dann wieder, als sie erneut abgetrieben wird, wie es heisst im Lied, von ihren Landesvätern den Feinden vor die Füsse geschmissen wird.

Von Ost nach West

Geboren wird Eva-Maria Hagen 1934 in Költschen. Das liegt in Pommern und wird 1945 von den Russen besetzt. Die Familie wird vertrieben. Westwärts in den Osten, nach Perleberg im Brandenburgischen, wo ab 1949 DDR ist.

Früh schon erlebt sie Schreckliches. Die Gräuel des Krieges. Menschenjagd auf fliehende Zwangsarbeiter, Nazis, die sich aus Furcht vor den Russen mit ihren Kindern zusammen im See ersäufen. Die Russen, die vergewaltigend durch die Gegend ziehen. Schliesslich die Vertreibung.

Später dann der 17. Juni. Der Arbeiteraufstand in der jungen DDR, wo Panzer aus Menschen Menschenfleisch machen, wie es heisst in Wolf Biermanns Lied. Das erlebt Eva-Maria Hagen als knapp 20-Jährige mittendrin.

Die Brigitte Bardot des Ostens

Eva-Maria Hagen wird Schauspielerin und macht eine grosse Karriere. Als Filmstar wird sie die «Brigitte Bardot des Ostens». Dann lernt sie Wolf Biermann kennen, den Dissidenten. In der Folge von Biermanns Auftrittsverbot kriegt auch sie keine Arbeit mehr in Berlin. Das hat auch sein Gutes, denn nun spielt sie «My Fair Lady» in Dessau, wovon sie bis heute gerne erzählt. Sie schmuggelt Biermanns Lieder in die Stücke. Doch offener Protest hat Folgen, wer sich quer stellt, wird abgetrieben.

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Buchhinweise

Eva-Maria Hagen: «Eva und der Wolf». List, 2006.

Eva-Maria Hagen: «Eva jenseits vom Paradies». Rotbuch Verlag, 2014.

Peter Hacks, Eva-Maria Hagen: «Liaison amoureuse». Eulenspiegel Verlag, 2013.

1976 wird Wolf Biermann ausgebürgert. Sie steht zu ihm, überwirft sich mit den DDR-Oberen. Auch Eva-Maria Hagen wird «aus der Staatsbürgerschaft entlassen», wie es heisst. Sie verlässt die DDR, 1977 zieht sie in die BRD.

Die schlimmen Zeiten sind vorbei

Seither ist sie in Hamburg. Die Weltgeschichte läuft langsamer jetzt. Und menschenfreundlicher. Eva-Maria Hagen spielt wieder Theater, dreht Filme und singt. Vier tolle CDs gibt's mittlerweile von ihr. Eine mit russischen, eine mit baltischen, eine aktuelle mit jiddischen Liedern und eine mit Biermann-Liedern. Ausserdem drei autobiografische Bücher. Zwei davon sind noch zu haben. Die schlimmen Zeiten sind vorbei. Und Eva-Maria Hagen lebt nach wie vor ihr höchst lebendiges Leben.

Sendung zu diesem Artikel

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  • Bücher und Lieder von Eva-Maria Hagen

    Aus BuchZeichen vom 19.10.2014

    Sie ist die irdische Mutter der göttlichen Nina. So bezeichnet einst Wolf Biermann seine langjährige Lebenspartnerin Eva-Maria Hagen. Aber sie ist noch viel mehr als das. Eva-Maria Hagen ist Schauspielerin, Sängerin, Malerin und Autorin.

    Als solche hat sie drei autobiografische Bücher veröffentlicht. Michael Luisier stellt ihre Bücher und Lieder vor.

    Buchhinweise: Eva-Maria Hagen. Eva jenseits vom Paradies. Autobiografie. Rotbuch, 2014. Eva und der Wolf. Econ Verlag.

    Erwähnte CDs:

    Das mit den Männern und den Fraun. Lieder von Wolf Biermann. Ach, lass uns wieder gut sein. Jiddische Lieder ins Deutsche gebracht von Wolf Biermann.

    Michael Luisier