«Ich freu mich auf den nächsten Satz wie ein Idiot»

Die 54-jährige Schauspielerin Sophie Rois hat den deutschen Hörbuchpreis als «Beste Interpretin» gewonnen. Bei einer Probe in Zürich erzählt sie, warum sie Theater macht und was ihr Lesen bedeutet. Und zeigt auch ihre verletzliche Seite.

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Bildlegende: Mit ihrer rauchigen Stimme hat Sophie Rois nicht nur die Hörbuchwelt, sondern auch Kino und Theater erobert. Imago/Anan Sesa

Erst einmal lässt Sophie Rois im Zürcher Schiffbau auf sich warten. Wie es sich für eine Diva gehört, denke ich mir. Als sie nach ein paar Minuten doch auftaucht, ist sie vom Regen ganz durchnässt, ihr abgetragener Pelzmantel klebt, in den Haaren hängen Tropfen.

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Hörbuchhinweis

Alina Bronsky: «Baba Dunjas letzte Liebe», gelesen von Sophie Rois. tacheles! / ROOF Music (hier geht es zur Hörprobe).

«Ich habe extra ein Taxi genommen, um nicht zu spät zu kommen», entschuldigt sie sich. Doch dann habe das Taxi wegen einer Baustelle weit weg gehalten und sie musste dennoch durch den Regen hetzen. Es ist die gute Absicht, die zählt. Von Diven-Gehabe keine Spur.

Überhaupt unterläuft die Schauspielerin einige Erwartungen. Ihre rauchige, leicht heisere Stimme ist ihr Markenzeichen. Die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» hat sie einmal als «Grossmacht unter den Hörbuch- und Hörspielstimmen» bezeichnet. Doch die grosse Stimme haust in einem überraschend schmalen und eher kleinen Körper. Sophie Rois trägt eine knallrote Bluse und lebhafte Augen in einem Lausejungengesicht.

Die Bühne im Gemischtwarenladen

Dass sie zum Theater gefunden habe, verdanke sie zu einem grossen Teil ihrem Vater, erzählt sie. Ihr Vater war Gemischtwarenhändler. Die Familie Rois wohnte über dem Laden. «Andere Kinder hatten Eltern – da sass die aufgeräumte Mutter allein in der aufgeräumten Einbauküche, und der Vater war bei der Arbeit», sagt die Schauspielerin in ihrer pointierten Art. «Bei uns war immer etwas los: Da ging ständig die Tür auf, Leute kamen rein und raus. Das hatte natürlich etwas Theatralisches.» Wie ein öffentlicher Platz sei ihr Zuhause gewesen.

Da erstaunt es auch nicht, dass Sophie Rois das Theater liebt. Auch die Bühne ist eine Art öffentlicher Platz, auf dem man Menschen in einem fast persönlichen Rahmen begegnet. Seit Jahren gehört die 54-Jährige zum Ensemble der Berliner Volksbühne. Daneben spielt sie auch immer wieder im Fernsehen, zum Beispiel als Kommissarin in «Polizeiruf 110».

Mit Lesen den eigenen Schmerz in den Griff bekommen

Nun wird sie im Stück «Bühne frei für Mick Levčik!» von René Pollesch erstmals am Schauspielhaus Zürich zu sehen sein. Den Dramatiker Pollesch, der seine Stücke immer selber inszeniert, schätzt Sophie Rois hoch.

Jetzt sagt die sprachgewaltige Schauspielerin meinen Lieblingssatz unserer Begegnung: «Bei Stücken von René Pollesch freu ich mich wie ein Idiot immer auf den nächsten Satz, der auf mich zukommt.» Währenddessen fängt sie auf ihrem Stuhl zu tänzeln an, als ob sie ihre Begeisterung auch körperlich ausdrücken wollte.

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«Bühne frei für Mick Levčik!»

Sophie Rois spielt ab dem 1. April 2016 am Schauspielhaus Zürich im Stück «Bühne frei für Mick Levčik!» von René Pollesch.

Sophie Rois ist ein Showgirl durch und durch. Doch sie findet auch leisere Töne. Da ist diese Zerbrechlichkeit, die auch in ihren Hörbuchlesungen durchscheint. Bücher zu lesen ist für Sophie Rois essenziell. Das Lesen ermögliche Distanz zum eigenen Schmerz, sagt sie.

Schmerz, der bei allen Menschen aufgrund erlittener Enttäuschungen und nicht erfüllter Erwartungen zum Leben gehöre. «Wenn man liest, wie jemand anderer ein Leben schreibend behandelt und es reflektiert, dann kommt man dem Leben bei, kriegt seinen eigenen Schmerz in den Griff.»

Doch schon ist unser Gespräch um. Die Tür geht auf und lässt den Dramatiker René Pollesch und eine ganze Schar von Darstellern zur Probe hinein. Sophie Rois springt auf und wirft sich in Pose; alle Gespräche drehen sich schlagartig um sie. Die Diva ist also doch im Gepäck von Berlin mitgereist.

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