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Eine Wohngemeinschaft von Tieren und Menschen
Aus Kontext vom 24.06.2021.
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Kunst mit Tieren Diese Tauben sind Performance-Künstlerinnen

Die Beziehung zwischen Menschen und Tauben ist kompliziert. Viele sehen die Tiere als Plage an. Im Kunstprojekt «Erzählen mit Tauben» allerdings sind sie die Protagonistinnen.

Seraina Dür und Jonas Gillmann haben eine Performance-Compagnie gegründet – und zwar eine artenübergreifende. In dieser sollen auch nicht-menschliche Akteure Platz haben. Tauben etwa. 

Künstlerin Seraina Dür bringt es so auf den Punkt: «Wir teilen mit den Tauben den Stadtraum. Weshalb sollten sie nicht auch Zugang zu unseren Kulturräumen haben?»

Was absurd klingen mag, ist für Dür und Dramaturgen Jonas Gillmann ein ernsthaftes Interesse. Sie befassen sich schon länger mit Stadttauben. Dass sie sie auch im Kunstraum artgerecht behandeln, hat ihnen das Basler Veterinäramt mit einem Zertifikat bestätigt. 

Legende: Dramaturg Jonas Gillmann und Künstlerin Seraina Dür mit vier Protagonistinnen des Projektes «Erzählen mit Tauben». Ingo Hoehn

Drei Wochen lang haben Dür und Gillmann diesen Frühsommer den Projektraum «Alte Billettkasse» des Theaters Basel in einer Art Wohngemeinschaft mit zwölf Zuchttauben geteilt: Ein heller Raum, ein paar Tische, Regale, eine Bücherecke, Ballettstangen. Durch eine Flugklappe konnten die Tauben in die Stadt hinausfliegen und wieder zurückkommen. 

Die Recherche ist das Ziel

«Erzählen mit Tauben» ist ein künstlerisches Langzeitprojekt, das nicht ein konkretes Kunstwerk sondern eine andauernde Recherche als Ziel hat. Die Basler Installation war nach Stationen im Theater Neumarkt und dem Kunstraum Helmhaus in Zürich die dritte Etappe des Projekts.   

Der gemeinsame Alltag habe aus viel Care-Arbeit bestanden, erzählen Dür und Gillmann: Putzen und Füttern. Daneben haben sie die Tauben beobachtet und zusammen Zeit verbracht. Das scheinbar Unspektakuläre wollen sie wahrnehmen und schätzen.  

Dazu war auch das Publikum eingeladen. Dabei war klar: Hier spielt einem niemand etwas vor, hier wird keine Kunst ausgestellt. Es geht um Erfahrungen, den Prozess und die Sensibilisierung von Wahrnehmung. 

Legende: Tauben fliegen auf: So gesehen in der «Alten Billettkasse» des Theaters Basel. Ingo Hoehn

Jonas Gillmann sagt, dass sich das Zusammenleben in den drei Wochen verändert hat: «Wir haben uns aneinander gewöhnt. Wir haben die Tauben besser kennengelernt, und sie uns auch.» 

Viele sehen Stadttauben als eine Plage, als eklige Krankheitsüberträger. Dür und Gillmann suchten in ihrer Arbeit nach anderen Erzählungen für die «beschädigte, konfliktreiche Beziehung von Mensch und Taube», wie es Gillmann beschreibt. 

Das Machtverhältnis zwischen Mensch und Tier

Der Kunstraum dient dabei als «Möglichkeitsraum», als «Ort, um ein anderes Zusammenleben von Menschen und Tieren zu erproben», sagt Seraina Dür. Dabei gehe es nicht darum, das Verhältnis von Taube und Mensch zu romantisieren oder gar zu vermenschlichen, sondern sich und das Publikum für einen anderen Blick auf die temporären Mitbewohnerinnen zu öffnen, gemeinsam neue Geschichten zu (er)finden. 

Und hier kommt die gesellschaftspolitische Dimension ins Spiel. Denn in der Beziehung zur Taube müsse sich der Mensch selbst auch neu positionieren, sagt Jonas Gillmann: «Natürlich sind wir es, die den Rahmen vorgeben: Wir wissen, wo das Futter ist, und wir öffnen und schliessen die Flugklappe. Diese Ungleichheit ist Teil des Projekts.» 

Diese Machtkonstellationen müsse täglich reflektiert und dabei das Unerwartete, die Kontingenz zugelassen werden. Gillmann sagt: «Ich habe mich viel mit Männlichkeit und Privilegien beschäftigt. Das Verhältnis von Menschen und nicht-menschlichen Tieren muss in einer ähnlichen Art hinterfragt und dekonstruiert werden.» 

Es geht um ein neues Denken, eine Weltvorstellung, in der nicht mehr der Mensch im Zentrum steht, sondern andere Arten und Spezies gleichwertig sind.  

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Kunst von Mensch und Tier: Krake auf der Bühne
Aus Reporter vom 02.06.2021.
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In der Kulturszene tauchen derzeit erstaunlich viele Projekte auf, die diese Forderung ernst nehmen. Im Zuge der Klimadebatte beschäftigen sich Künstler und Künstlerinnen mit Nachhaltigkeit im Kulturbetrieb, stellen künstlerisch die heutige Weltordnung in Frage und kreieren Projekte, die zum Umdenken einladen. Zum Beispiel eben das Verhältnis von Mensch und Tier. 

Radio SRF 2 Kultur, 24.06.2021, 17:58 Uhr

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