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«Mein Kampf» in Konstanz Das Hakenkreuz-Theater erreicht die Schweiz

Engagiertes Konzept oder doch nur PR-Gag? Nach der Premiere von «Mein Kampf» verzichtet das Theater Konstanz auf Hakenkreuze und Davidsterne. Unterdessen prüft es eine Karten-Bestellung aus dem Grossraum Basel.

Ein Mann auf einer Bühne mit einer Puppe im Arm, der er den Arm auszureissen droht.
Legende: «Mein Kampf» in Konstanz: Offenbar wollten 30 Basler mit Hakenkreuz ins Theater. Theater Konstanz / Ilja Mess Fotografie

Im Vorfeld der Premiere von «Mein Kampf» am Theater Konstanz versprach Regisseur Serdar Somuncu freien Eintritt für Zuschauer mit Hakenkreuzbinde – und sorgte damit für Aufregung.

Schweizer Publikum ist am Theater Konstanz gern gesehen. Kreuzlingen und Konstanz verstehen sich als eine Stadt in zwei Ländern. Doch eine Karten-Bestellung aus der Schweiz hat das Theater Konstanz dann doch überrascht: Aus dem Grossraum Basel sei eine Bestellung von 30 Karten zum Nulltarif eingegangen. Die Gruppe wollte offenbar gratis ins Theater – mit Hakenkreuzbinde.

Keine Hakenkreuze im Publikum

«So eine grosse Bestellung können wir nicht annehmen», sagt Dani Behnke, die Pressesprecherin des Konstanzer Theaters. Sie habe sich darüber gewundert und das Haus sei «der Sache nachgegangen». Von wem die Bestellung kam und ob die Basler trotzdem kamen, gab das Theater nicht bekannt.

Eine Frau im roten Pullover hält einen Davidstern aus Papier in der Hand.
Legende: Am Ende gab es zerrissene Hakenkreuze und Davidsterne – als grosser Papierregen. Keystone

Fest steht nur: Hakenkreuze bei Besuchern waren im Theater-Saal nicht zu sehen. Auch keine Davidsterne, die eigentlich die anderen Theatergänger tragen sollten. Nach massivem Protest entschloss sich das Theater zu einer Korrektur.

«Ich habe meine Karte bezahlt»

Hakenkreuze und Davidsterne gab es nur am Ende der Inszenierung in Form eines grossen Papierregens: Hakenkreuze zerschnitten, Davidsterne intakt, ein symbolischer Sieg über die Nazi-Tyrannei.

Trotzdem bleibt die Frage, ob die Ankündigung ein plumper PR-Gag war oder ein engagiertes Konzept. So mancher Premierengast kam mit selbstgebastelten Schildern, auf denen «Freischwimmer», «Ich habe meine Karte bezahlt» oder «Nix da» zu sehen war.

«Man hat immer eine Wahl»

Das Theater Konstanz ist überzeugt, die Strategie sei aufgegangen. «Das Publikum hat reagiert: Wenn das Theater sie vor eine unmögliche Wahl stellt, dann machen sie nicht mit. Punkt. Das ist der Kern von eigenverantwortlichem Denken und Mut», freuen sich die Theatermacher.

Aufführungshinweis

«Mein Kampf» von George Tabori ist am Theater Konstanz, Link öffnet in einem neuen Fenster zu sehen.

«Man hat immer eine Wahl, und wenn du vor eine unmögliche gestellt wirst, dann spiel das Spiel nicht mit! So sieht Verantwortung aus. Wir sind stolz auf unser wunderbares Publikum», teilte das Konstanzer Theater mit.

Fahler Nachgeschmack

Und freut sich natürlich, dass nicht zehn Medienvertreter wie sonst zur Premiere kamen, sondern gleich 40. Sogar das russische Fernsehen war vor Ort, die «New York Times» hatte schon im Vorfeld über die «Mein Kampf»-Premiere an Hitlers Geburtstag, dem 20. April, berichtet.

Theaterszene: Ein Mann, der aussieht wie Hitler, schreit einen halbnackten Schauspieler an.
Legende: Viel Lärm um nichts? Ein Brüller ist der Tabori-Abend nicht – trotz starker Schauspieler. Theater Konstanz / Ilija Mess Fotografie

Und trotzdem bleibt ein fahler Nachgeschmack. Denn dem Stück fehlt es an Konzentration und Dichte. Von Donald Trump über Frauke Petry und Björn Höcke von der AfD bis zur Flüchtlingskrise gleicht es einer Tour de Force durch den aktuellen Rechtspopulismus.

Faschismus auch in der Schweiz: Heidi und Peter

Dem Publikum wurde es sehr einfach gemacht, sich auf der Seite der Richtigen zu positionieren. Vor die Wahl gestellt zwischen Humanität und Donald Trump, kann es sich in Sicherheit wiegen. Dabei trägt jeder Mensch Ressentiments in sich. Diese freizulegen, wäre Aufgabe des Theaterstücks gewesen.

Trotzdem lohnt ein Theater-Besuch in Konstanz. Die Schauspieler liefern eine Spitzenleistung. Von Hakenkreuzen und Davidsternen hat sich das Theater Konstanz inzwischen verabschiedet.

Und wer den Faschismus auch in der Schweiz wähnt, kommt auf seine Kosten: Auch Heidi und Peter kommen vor. Auch wenn Brecht mit der Inszenierung Mühe gehabt hätte, trägt sie seine Botschaft: Der Schoss ist fruchtbar noch.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 23.4.2018, 17:20 Uhr

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