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Theaterpremiere im Schauspielhaus Zürich: Milo Raus «Orest in Mossul»
Aus Kultur-Aktualität vom 06.10.2019.
abspielen. Laufzeit 03:46 Minuten.
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Milo Raus «Orest in Mossul» Ein Stück antike und aktuelle Tragödie

Mord, Genickschuss, Erwürgen: Milo Raus «Orest in Mossul» ist brutal, aufklärerisch und hat einen spekulativen Beigeschmack.

Die griechische Tragödie «Orestie» beschreibt, wie ein Gewaltkreislauf durchbrochen wird und eine übergeordnete Rechtsinstanz Frieden und Wohlstand bringt. Erst folgt ein Mord auf den nächsten. Dann beruft die Göttin Athene ein Gericht ein und setzt an die Stelle der Blutrache den ordentlichen Prozess. Ein Triumph des Logos über den Mythos und eine Gründergeschichte des Rechtsstaats.

Der Schweizer Regisseur Milo Rau, der seit einem Jahr das Stadttheater NTGent leitet, will die Welt verändern. In einem Manifest hat er seine Ansprüche an das Theater formuliert, Link öffnet in einem neuen Fenster, darunter dass seine Produktionen mindestens teilweise in Krisengebieten entstehen sollen.

So ist er für seine Inszenierung der «Orestie» nach Mossul gereist, in die 8000 Jahre alte Stadt, die 2014 vom sogenannten Islamischen Staat okkupiert wurde und heute zerstört ist.

Eine Theaterbühne: Vorne sind fünf SchauspielerInnen, auf dem Bildschirm hinten sind fünf Darsteller.
Legende: Die Schauspieler aus Mossul sind nicht auf der Zürcher Bühne, aber auf dem Bildschirm. Fred Debrock

Geschickt inszeniert

Mit irakischen Schauspielschülerinnen und Musikern hat Milo Rau in Mossul eine Inszenierung erarbeitet, die jetzt im Westen tourt. Die Künstlerinnen und Künstler aus Mossul können nicht dabei sein, sind aber in Videoeinspielungen durchaus präsent.

Rau inszeniert es geschickt. Die antike Tragödie spiegelt sich in der von heute; die im Krieg zerstörte Stadt Troja in den Bildern aus Mossul; die Atriden-Geschichte pumpt sich auf mit aktueller Dringlichkeit.

Lebensgefährliche Küsse

Nicht alles ist in der flämisch-arabischen Kooperation gleichermassen möglich. Etwa möchte der Regisseur, dass das Freundespaar Orest und Pylades nicht nur versteckt ein Paar ist, sondern sich auf der Bühne küsst. In Mossul ist das schier undenkbar, nicht alle im Ensemble sind dafür, vor allem ist es lebensgefährlich.

Fünf DarstellerInnen auf der Theaterbühne.
Legende: Schuld, Rache und Sühne stehen im Zentrum von Aischylos Orestie. Milo Rau inszeniert sie für die heutige Zeit. Fred Debrock

Ein Video zeigt das Dach, von dem Homosexuelle in den Tod gestürzt werden. Hier spürt man die aufklärerische Energie von Raus Projekt am stärksten – aber auch die Ambivalenzen, die ihm eingeschrieben sind.

Gefälle zwischen West und Ost

Denn einerseits passt der Stoff perfekt. Der antike Mythos von der Überwindung der Brutalität durch den Rechtsstaat verhandelt Fragen, die sich jetzt auch beim Aufbau einer Zivilgesellschaft im Irak stellen. Anderseits bleibt ein Gefälle zwischen West und Ost, das einen kulturimperialistischen Ruch nicht ganz ablegen kann – die Westeuropäer kommen mal ein paar Wochen nach Mossul und erklären, wie Demokratie geht.

Eine Schauspielerin und ein Schauspieler auf der Theaterbühne.
Legende: Zerstörung im Hintergrund, Leben im Vordergrund: Susana Abdul Majid und Johan Leysen in «Orest in Mossul». Fred Debrock

Es gibt ein Gefälle zwischen der subventionierten Hochkultur der belgischen Theatertruppe und den Anstrengungen der Überlebenden des Kriegs in Mossul, das auch etwas Ausbeuterisches an sich hat, zumindest die Frage danach aufwirft. Die Tatsache, dass die Künstlerinnen und Künstler aus Mossul nicht dabei sind, verstärkt das noch. Zu gross sei das Risiko, dass sie im Westen Asyl beantragen.

Spekulativer Beigeschmack

Ähnliche Probleme stellen sich bei der Darstellung von Gewalt – die, wie einer der Darsteller sagt, in Mossul im Gegensatz zum Kuss zweier Männer niemandem auffiel. In derartigem Mass hat sich die Brutalität in ihre Erfahrung eingebrannt.

Milo Rau zeigt Mord, Genickschuss, Erwürgen, in aller Drastik, deutlich und ausführlich. Es ist der Versuch, das Nicht-Zeigbare explizit dennoch zu zeigen, wie schon in früheren Arbeiten Raus, etwa «La Reprise». Es hat aber auch einen spekulativen Beigeschmack, eine unangenehme Nähe zur unfreiwilligen Komik, eine fragwürdige Wirkung. Nicht alles ist rund in Milo Raus «Orest in Mossul». Der Abend lässt Fragen offen – auch an sich selbst.

Video
Demo und Film: In Italien dreht Milo Rau «Die Revolte der Würde».
Aus Tagesschau vom 30.09.2019.
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